Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Anna Maria Breitenbach, geb. Ziegler (1621-1676)

01.01.2010

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Daniel Geißler

Gutes Zeugniß ans Tages Liecht bringen – Streit um die Drucklegung einer Leichenpredigt

Titelblatt der Leichenpredigt auf Anna Maria Breitenbach [1/2]

Tröstung der Hinterbliebenen und geistliche Erbauung gehörten zu den wichtigsten Aufgaben der protestantischen Leichenpredigt der Frühen Neuzeit. Das Gedenken an die Verstorbenen, noch verstärkt durch die sich anschließenden biographischen Angaben mit Schilderungen des moralisch positiven Lebenswandels, war unentbehrlicher Bestandteil sowohl der öffentlichen als auch der persönlichen Bewältigung von Schicksalsschlägen und Todeserfahrungen.[1] Tief im kollektiven Bewusstsein verankert, wies die Art und Weise der Erinnerung den Verstorbenen zugleich ihren Platz in der Gesellschaft zu und definierte dadurch Stellung und Selbstwahrnehmung der lebenden Angehörigen.[2] Was aber, wenn der Prediger, aus welchen Gründen auch immer, kein Interesse zeigte, die Leichenpredigt auch zu veröffentlichen? Wenn zwar die Trauergemeinde vom Seelenheil der Verstorbenen erfahren hatte, aber diese Information einer größeren Öffentlichkeit, ob nun absichtlich oder nicht, vorenthalten wurde? Wie sehr ein solches Verhalten die Hinterbliebenen brüskieren konnte und wie diese auf derartige Affronts reagierten, zeigt ein Vorfall, der im Bestand der Historischen Bibliothek Rudolstadt dokumentiert ist. Nach dem Titelblatt der Predigt ist ein äußerst interessanter Vermerk abgedruckt, der auf eine offensichtlich nicht immer auf Pietät bedachte seelsorgerliche Tätigkeit hinweist und die Sorge um das öffentliche Trauergedenken in den Blickpunkt rückt.

Anna Maria Breitenbach, geb. Ziegler, in Erfurt geboren, war am 15. Mai 1676 in ihrem Geburtsort verstorben. Der Ehemann Georg Friedrich Breitenbach, kaiserlicher Reichspostmeister und Oberster Ratsmeister in Erfurt, wollte nach der Beerdigung seiner Gattin in der dortigen Predigerkirche die bei diesem Anlass gehaltene Leichenpredigt veröffentlichen. Sein Vorhaben gestaltete sich jedoch problematisch, die Drucklegung verzögerte sich um fast zwei Jahre und gipfelte in erheblichen Streitigkeiten zwischen Familie und Autor. Eine nach dem Titelblatt eingefügte Stellungnahme des Witwers gibt darüber Auskunft:

Gehalten hatte die Predigt Georg Götze, Doktor der Theologie und Pfarrer an der Predigerkirche. Kurz nach der Beisetzung wechselte er nach Jena - und verweigerte fortan, seinen Text zu Papier zu bringen bzw. ihm die notwendige Druckfreigabe zu erteilen. Leider wird nicht ersichtlich, weshalb er dies tat. Der Witwer beklagte sich jedenfalls vehement, er habe mehrfach schrifftlich umb Herausgebung gebeten. Trotzdem hätte Götze gantzer 2. Jahr mit blossen Vertröstungen vorbey streichen lassen, ohne ein druckfertiges Manuskript abzuliefern. Die Angehörigen wussten sich keinen anderen Ausweg, als den Leich-Sermon zu ihrem Behuf, durch 2. Candidatos Theologiae [...] nachschreiben zu lassen, wobei sie explizit darauf verwiesen, dass beide inzwischen auch würcklich in Predigtambt begriffen waren. Aber selbst auf diese, ihm zur Revision communiciret(e) Version, reagierte Götze nicht. So sah sich der Witwer schließlich genötigt, den Text 1678 ohne fernern Anstand und Götzes notwendiges Imprimatur zu veröffentlichen.

Der Grund für die Nachdrücklichkeit, mit der Familie Breitenbach die Publikation der Predigt verfolgte, findet sich am Ende der beigefügten Erläuterung: Den Hinterbliebenen war sehr daran gelegen, die seelig verstorbene Frau wegen geführten Christlichen Lebens und Wandels zu ehren und insbesondere das dafür in der Leichenpredigt ausgestellte männiglich [...] gute Zeugniß durch öffentlichen Druck [...] ans Tages Liecht zu bringen und einem breiterem Publikumskreis zu präsentieren.[3]

Das vorliegende Beispiel beweist, welch bedeutende Rolle während der Frühen Neuzeit gerade für Angehörige das öffentliche Gedenken an die Verstorbenen spielte. Die private Trauer musste in den öffentlichen Raum ausgeweitet werden, damit die kollektive Erinnerung an das gottesfürchtige Leben der Geehrten gesichert war. Die Demonstration eines derartigen Lebenswandels vor Gott und den Menschen diente der gesellschaftlichen Reputation, sowohl der verstorbenen Person als auch der Hinterbliebenen. Deshalb - und das zeigen die Differenzen um die Publikation der Trauerschrift auf Anna Maria Breitenbach in diesem Zusammenhang ebenfalls deutlich auf - war ein theologisch fundierter Text elementar und erforderte bei eventuellen Meinungsverschiedenheiten mit dem ursprünglichen Verfasser unbedingt die entsprechende Absicherung, damit das "Zeugniß" nicht verfälscht wurde. Offensichtlich durften Laien, weil ihnen die notwendige geistliche Autorität fehlte, das mit der Leichenpredigt beurkundete positive Lebensfazit nicht eigenverantwortlich ziehen, weil ihnen die Anerkennung möglicherweise verwehrt wurde.

 

DANIEL GEIßLER M.A. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Fun. div. XCVIII
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 51), Stuttgart 2010

 

Erneut veröffentlicht in: Blätter der Gesellschaft für Buchkultur und Geschichte 16/17 (2012/2013), Rudolstadt 2014

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu u.a. Heike Düselder, "Wer so stirbt, der stirbt wohl!" Der Umgang mit der Sterbestunde im Spiegel von Leichenpredigten, in: Andrea Hülsen-Esch u.a. (Hg.), Zum Sterben schön. Alter, Totentanz und Sterbekunst von 1500 bis heute. Aufsätze, Bd. 2, Regensburg 2006, S. 238-249.

[2] Gesellschaftliche Reflexionen des Todes in der Frühen Neuzeit u.a. bei Marianne Mischke, Der Umgang mit dem Tod. Vom Wandel in der abendländischen Geschichte (Reihe Historische Anthropologie 25), Berlin 1996, v.a. S. 87-101.

[3] Zur Problematik der öffentlichen Trauerliteratur siehe Wolfgang Brückner/Peter Blickle/Dieter Breuer (Hg.), Literatur und Volk im 17. Jahrhundert. Probleme populärer Kultur in Deutschland (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 13), Wiesbaden 1985; zur Verbreitung gedruckter Schriften vgl. Reinhard Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, München 1991, insbesondere S. 68-82, 102f.

 

Zitierweise: Daniel Geißler, Anna Maria Breitenbach (1621-1676). Gutes Zeugniß ans Tages Liecht bringen – Streit um die Drucklegung einer Leichenpredigt, in: Leben in Leichenpredigten 01/2010, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/anna-maria-breitenbach-1621-1676.html>

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