Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Anna Elisabeth Herzogin von Württemberg-Oels-Bernstadt, geb. Prinzessin von Anhalt-Bernburg (1647-1680)

01.05.2018

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Johanna Pöppelwiehe

[...] ein unvergleichlich Counterfey einer klugen Fürstin – Christliche Tugend und weltliche Gelehrsamkeit als Merkmale einer vorbildlichen Regentin

Anna Elisabeth Herzogin von Württemberg-Oels-Bernstadt, geb. Prinzessin von Anhalt-Bernburg

Die frühneuzeitlichen Leichenpredigten stellen eine Quellengattung dar, die Einblick in die Lebensbedingungen von Frauen unterschiedlichster sozialer Schichten und Altersgruppen bieten kann und zeigt, "in welch vielfältiger Weise Frauen je nach ihrem sozialen Stand, nach ihrer Ausbildung oder ganz individuell nach ihrer Persönlichkeit Einfluß auf ihr Familienlieben, auf ihre Gemeinschaft oder sogar das ganze Land zu nehmen vermochten".[1] Ihre Untersuchung macht deutlich, dass Frauen nicht als Spielbälle der zweifellos vorherrschenden patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen, sondern als aktiv handelnde Personen betrachtet werden müssen.[2]

Fürstinnen konnten als Auftraggeberin, aber auch als Subjekt von Leichenpredigten in Erscheinung treten[3] und verfügten aufgrund ihrer gehobenen sozialen Stellung oftmals über größere Handlungsfreiheiten. Während die fürstlichen Funeralschriften zunehmend zu Repräsentationszwecken genutzt wurden, konnten sie das dynastische Bewusstsein der Frauen widerspiegeln.[4] Gleichzeitig dienten die Fürstinnen nicht selten als Frömmigkeitsmodell für ihre Untertanen.[5]

Ein Beispiel dafür, wie individuelle Persönlichkeitsmerkmale und fürstliche Vorbildfunktion innerhalb einer Funeralschrift vereint werden konnten, ist die Leichenpredigt auf Anna Elisabeth Herzogin von Württemberg-Oels-Bernstadt. Ihr Verfasser Johann von Assig und Siegersdorf richtet den Fokus seiner Predigt auf die Charaktereigenschaften, die sie seiner Meinung nach als eine vollkommene Fürstin[6] auszeichneten: ihre christlichen Tugenden, aber auch ihre Begabungen und ihre Wissbegierde.

Anna Elisabeth von Württemberg-Oels-Bernstadt kam am 29. März 1647 als jüngstes Kind von Christian II. Fürst von Anhalt-Bernburg und Eleonore Sophie, geb. Herzogin von Schleswig-Holstein-Sonderburg, im anhaltinischen Bernburg zur Welt. Assig und Siegersdorf widmet sich ihrer Herkunft auß den Zweyen Uhralten und Welt-beruffenen Hohen Fürstlichen Häusern Anhalt und Holstein, indem er ihre Vorfahren bis hin zur Generation der Ur-ur-Großeltern nennt. Anna Elisabeths Rolle als Ehefrau und Mutter wird im Rahmen der Personalia zwar angeschnitten, ihr wird jedoch nicht übermäßig viel Platz eingeräumt. Sie ehelichte Christian Ulrich I. Herzog von Württemberg-Oels-Bernstadt (ab 1697 Herzog von Württemberg-Oels) am 13. März 1672 in Bernburg. Assig und Siegersdorf beschreibt die Verbindung als innig und von einer unvergleichliche[n] Zuneigung geprägt. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor, fünf von ihnen verstarben bereits im Kindesalter.[7] Anna Elisabeth selbst starb am 3. September 1680, etwa sechs Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Theodosia, im Alter von 33 Jahren an den Folgen der Entbindung.

Assig und Siegersdorf führt aus, dass Anna Elisabeth nicht nur durch ihre Abstammung aus den beiden Fürstenhäusern, sondern auch aufgrund ihrer Hoch-Fürstl. Tugenden und unbeschreiblichen Qualitäten eine vorbildliche Fürstin gewesen sei. Zum einen nennt er in seiner Predigt vier christliche Tugenden, die Anna Elisabeth zu einer vollkommenen Fürstin gemacht hätten. An erster Stelle geht er auf ihren christlichen Glauben ein, danach - für ihn eng mit dem Glauben verbunden - die Liebe. Anna Elisabeth habe sich nicht nur durch ihre Liebe zu Gott, sondern auch durch Nächstenliebe, die Liebe zu ihrem Ehemann und ihren Kindern und nicht zuletzt auch diejenige zu ihren Untertanen ausgezeichnet. Auf die Liebe folgt bei Assig und Siegersdorf die Geduld der Fürstin, mit welcher Anna Elisabeth auch den Tod ihrer Eltern und Kinder ertragen habe. Er schließt seine Aufzählung Anna Elisabeths christlicher Werte mit ihrer Hoffnung auf Gott. Wie es häufiger in Leichenpredigten auf Fürstinnen zu finden ist,[8] macht Assig und Siegersdorf Anna Elisabeth durch seine Ausführungen zum Muster einer vorbildlichen christlichen Lebensweise für ihre Untertanen.

Doch die Darstellung Anna Elisabeths beschränkt sich nicht auf ihr exemplarisches christliches Leben. Assig und Siegersdorf wählt daneben zum anderen auch Intelligenz und Gelehrsamkeit Anna Elisabeths als ein zentrales Thema der Predigt, auf sie wird an mehreren Stellen in Predigttext, Personalia sowie Epicedien eingegangen. Im Trauergedicht eines unbekannten Verfassers werden die verschiedenen Begabungen und Interessen der Fürstin dabei folgendermaßen zusammengefasst:

Der unverdroßne Fleiß/ der die Natur ergründet/
Und den Gelehrten offt die Fackel angezündet/
Die ungemeine Huld/ die alle zu sich zog;
Die schnelle Fertigkeit in unterschiednen Sprachen/
Die Worte/ welche Stahl und harten Marmor brachen/
Der Engel-gleiche Sinn/ der an die Wolcken flog/
Der Eifer vor das Glück und Wachsthum Ihrer Zeiten/
Die keusche Redligkeit/ mit der Sie Dich gemeynt/
Durchlauchter Christian/ und andre Treffligkeiten/
Sind Lampen/ derer Glantz durch Sarg und Grüffte scheint.

Assig und Siegersdorf beschreibt in den Personalia, dass Anna Elisabeth ihre schnelle Auffassungsgabe bereits in die Wiege gelegt gewesen sei, sodass sie dieses/ was andere mit grosser Müh/ vermittelst langer Jahre erlernen/ hier wie ein Kinder-Spiel in weniger Zeit begreifen konnte. Er führt aus, welche Umstände es begünstigt hätten, dass sie sich ausgiebig den Wissenschaften und ihrer Weiterbildung widmen konnte: Dies sei einerseits durch den allgemeinen Aufschwung der Wissenschaften ermöglicht, andererseits aber auch durch ihre persönliche Einstellung beeinflusst worden, denn [s]ie konte gar übel vertragen/ daß das Weibliche Geschlechte bloß die Nadel ergreiffen/ und das jenige zurück lassen sollte/ wodurch unsere Seele sich der Unsterbligkeit nähert. Anna Elisabeth strebte nach dieser Darstellung also aktiv an, über die ihr als Frau gesellschaftlich zugesprochene Rolle hinauszuwachsen. Dies wird in ihrer Leichenpredigt nicht nur erwähnt, sondern vom Verfasser anerkannt und hervorgehoben.

Assig und Siegersdorf fasst Anna Elisabeths christliche Tugenden und ihre intellektuellen Fähigkeiten zusammen in den Titul der Klugheit. Er beschränkt diesen Begriff also ausdrücklich nicht nur auf ihre Intelligenz, sondern bezieht ihren Glauben als wichtigen Aspekt mit ein. Diese Klugheit habe es der Herzogin ermöglicht, ihrem Mann in Regierungsdingen stets zur Seite zu stehen und durch stets-fertigen Beytrag Dero Hoch-Fürstlichen weisen Rathschlage eine wertvolle Ratgeberin zu sein. Doch auch ihre Untertanen profitierten von christlicher Nächstenliebe und wissenschaftlichem Interesse Anna Elisabeths. So wird in den Personalia beschrieben, dass sie Armen und Kranken als liebreichste Landes-Mutter half, die ihnen nicht allein mit vielfaltigen Speisen und Geschencken/ sondern auch mit von eignen Fürstlichem Händen zubereiteten kostbaren Artzneyen/ mitleidend beygesprungen.

Ihre Begabung wurde von den Zeitgenossen dabei offenbar als so außergewöhnlich betrachtet, dass sich Gerüchte darüber bereits in ihrer Jugend bis an den kurfürstlichen Hof in Dresden verbreitet hatten, wodurch die Durchlauchtigste Chur-Fürstin hierduch also bewogen [wurde], daß Sie Sich höchlich bemühet, dieses hoch-schätzbare Pfand von Dero Fürstl. Frau Mutter auf kurtze Zeit zu erbitten. Anna Elisabeth verbrachte daraufhin einen in der Leichenpredigt nicht genannten Zeitraum in Dresden, wurde von ihrer Mutter aber schließlich zurück nach Bernburg geholt.

Sie erlernte neben der englischen und der französischen Sprache auch das Lateinische, die den gelehrten Männern sonst allein zugeeignete [...] Sprache. Es wird hier also nochmals betont, dass sich die Herzogin in intellektuelle Bereiche vorgewagt habe, die sonst nur dem männlichen Geschlecht vorbehalten waren. Englisch habe sie nach Assig und Siegersdorf sogar innerhalb von nur vier Wochen so sicher beherrscht, dass sie ohne Anleitung in der Lage gewesen sei, ein englischsprachiges Buch ins Deutsche zu übersetzen. Dieses befinde sich nach wie vor in der fürstlichen Bibliothek zu Bernstadt. Doch die Interessen und Begabungen der Herzogin beschränkten sich dabei nicht auf einen Bereich, sondern waren äußerst weit gefächert, wodurch sie laut Assig und Siegersdorf in der Lage war, sich eine Meinung zu verschiedensten und komplexen Sachverhalten zu bilden. Anna Elisabeth verfügte außerdem über vielfältige Talente im musisch-künstlerischen Bereich. Sie konnte singen, beherrschte verschiedene Saiteninstrumente und verfasste Gedichte, welche sie in Dero Hoch-Fürstlichen Gärten vortrug. Zudem beschäftigte Anna Elisabeth sich so intensiv mit naturwissenschaftlichen Themen und insbesondere mit der Welt-gepriesenen Chymie, dass sie - wie oben bereits angedeutet - solche rare und kräfftige Artzneyen erfunden/ mit welchen viele desperate Kranckheiten geheilet worden.

Johann von Assig und Siegersdorf entwirft in seiner Leichenpredigt auf Anna Elisabeth von Württemberg-Oels-Bernstadt ein Konzept der "guten" Fürstin. Er legt dabei nicht den Fokus auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter, welche zwar erwähnt, aber nicht schwerpunktmäßig behandelt wird. Die kluge Fürstin zeichnet sich nach Assig und Siegersdorf hingegen zum einen durch die Ausfüllung einer christlichen Vorbildfunktion für ihre Untertanen aus. Diese profitierten aber auch von den individuellen Charakterzügen Anna Elisabeths, im Speziellen ihrer schnellen Auffassungsgabe und Reflexionsfähigkeit sowie naturwissenschaftlichen, sprachlichen und musischen Begabung. In Assig und Siegersdorfs Konzept machen diese Eigenschaften zentrale Teile ihrer Qualitäten als Fürstin aus und befähigten Anna Elisabeth als Ratgeberin ihres Mannes zur Mitwirkung an dessen Herrschaftsausübung.

 

JOHANNA PÖPPELWIEHE M.A. ist Wissenschaftliche Hilfskraft der Forschungsstelle für Personalschriften und hat an der Philipps-Universität Marburg ein Master-Studium im Fach Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit absolviert.

 

Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Lv III 3, Nr. 6
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt, Bd. 2 (Marburger Personalschriften-Forschungen 51,2), Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. Albrecht Classen, Die Darstellung von Frauen in Leichenpredigten der Frühen Neuzeit. Lebensverhältnisse, Bildungsstand, Religiosität, Arbeitsbereiche, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 108 (2000), H. 2, S. 291-318, hier S. 317.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Jill Bepler, "im dritten Gradu ungleicher Linie Seitwarts verwandt". Frauen und dynastisches Bewußtsein in den Funeralwerken der Frühen Neuzeit, in: Heide Wunder (Hg.), Dynastie und Herrschaftssicherung in der Frühen Neuzeit. Geschlechter und Geschlecht (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 28), Berlin 2002, S. 135-160, hier S. 136.

[4] Ebd., S. 138.

[5] Vgl. Dies., Die Fürstin im Spiegel der protestantischen Funeralwerke der Frühen Neuzeit, in: Regina Schulte (Hg.), Der Körper der Königin. Geschlecht und Herrschaft in der höfischen Welt (Campus historische Studien 31), Frankfurt (Main)/New York 2002, S. 135-161, hier S. 140.

[6] Johann von Assig und Siegersdorf, Der Durchlauchstin Fürstin und Frauen/ Frauen Anna Elisabeth/ Vermähltin Hertzogin zu Würtenberg und Teck [...] Lob-Rede/ Und Christ-Fürstl. geführter Lebens-Lauff, Brieg o.J. (VD17 14:080588Y), Digitalisat der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, PURL (Werk): http://diglib.hab.de/drucke/lpr-stolb-5657/start.htm (Zugriff: 27.03.2018). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[7] Die Todesdaten der Kinder des Paares werden in der Leichenpredigt nicht genannt. Hierzu siehe Harald Schukraft, Art. "Anna Elisabeth von Anhalt-Bernburg (1647-1680)", in: Sönke Lorenz/Dieter Mertens/Volker Press (Hg.), Das Haus Württemberg. Ein biographisches Lexikon, Stuttgart/Berlin/Köln 1997, S. 209.

[8] Vgl. Bepler, Fürstin (wie Anm. 5).

 

Zitierweise: Johanna Pöppelwiehe, Anna Elisabeth Herzogin von Württemberg-Oels-Bernstadt, geb. Prinzessin von Anhalt-Bernburg (1647-1680). [...] ein unvergleichlich Counterfey einer klugen Fürstin – Christliche Tugend und weltliche Gelehrsamkeit als Merkmale einer vorbildlichen Regentin, in: Leben in Leichenpredigten 05/2018, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/anna-elisabeth-herzogin-von-wuerttemberg-oels-bernstadt-geb-prinzessin-von-anhalt-bernburg-1647-1.html>

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