Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Sophie Elisabeth Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel, geb. Herzogin von Mecklenburg-Güstrow (1613-1676)

01.10.2018

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Cornelia Niekus Moore

Die soziale Rolle der Stiefmutter

Sophie Elisabeth Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel [1/2]

In der populären Literatur der Frühen Neuzeit genossen Stiefeltern keinen guten Ruf.[1] Darin wird ihnen nachgesagt, dass sie die ihnen anvertrauten Kinder verkommen und verhungern ließen oder sie zumindest wenig fürsorglich behandelten. Märchen berichten, dass Stiefkinder selbst in Schlössern und Palästen ihres Lebens nicht sicher waren. Zedlers "Universal-Lexicon" definiert das Wort "stiefmütterlich" im Sinne von zweitrangig und nachlässig.[2]

Die in Leichenpredigten über Stiefeltern vermittelten Ansichten sind dagegen vergleichsweise ausgewogen.[3] Zwar finden sich auch hier negative Äußerungen: Beispielsweise hätte Andreas Müller aus Aschersleben von seinen zwei Stiefmüttern bisweilen ein tirocinium der geduld ausgestanden, wird in seinem Lebenslauf berichtet,[4] und der Stiefvater von Christoph Buntz aus Ulm wäre so streng gewesen, dass die Mutter das Kind vorsorglich zur Tante schickte.[5] Dennoch überwiegen positive Beurteilungen: Von Christian Teichmann aus Leipzig heißt es, er habe seine Stiefmutter sehr geliebt,[6] und der Bürgermeisterwitwe Regina Mager aus Bischofswerda wurde nachgesagt, dass sie gegen ihre Stieffkinder sich als eine rechte leibliche Mutter erzeiget/ ihnen alles guttes bewiesen/ auch dero Kinder/ welche es benötiget gewesen/ an ihren Tisch genommen/ und ihnen nothdürftigen unterhalt verschaffet habe.[7]

Aufgrund der generell geringen Lebenserwartung war das Familienmodell der stiefelterlichen Erziehung auch in adligen Familien anzutreffen. Allerdings erweiterte sich hier die Rolle einer Stiefmutter um herrschafts- bzw. hofspezifische Komponenten. Insbesondere in Fürstenhäusern führte dies zur Entstehung eines neuen Frauentypus. Oft übernahm am Hof eine noch sehr junge Frau die Aufgaben einer ebenfalls in jungen Jahren während einer Geburt oder im Kindbett Verstorbenen. Sie hatte dann nicht nur die sozialen Rollen der Repräsentantin am neuen Hof oder der Gattin des regierenden Fürsten auszufüllen, sondern sie war außerdem als Stiefmutter für die Fürsorge, Pflege und Erziehung dort lebender minderjähriger Kinder des Regenten zuständig.

Der Lebenslauf von Sophie Elisabeth von Mecklenburg-Güstrow steht beispielhaft für diese Entwicklung. Sie und ihre Schwester Christine Margarethe (1615-1666) waren in ihrer Kindheit selbst von liebevollen Stiefmüttern erzogen worden. Die erste, Elisabeth, geb. Landgräfin von Hessen-Kassel (1596-1625), eine gelehrte und hochmusikalische Frau, wird noch in Sophie Elisabeths Leichenpredigt für die herzliche Erziehung gelobt, und auch die zweite, Eleonore Marie, geb. Prinzessin von Anhalt-Bernburg (1600-1657), gab ihre Musikbegeisterung an ihre Stiefkinder weiter.[8]

Als Sophie Elisabeth 1535 mit 21 Jahren den verwitweten Herzog August II. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1579-1666) heiratete, hatte sie sich bereits in mehreren Briefen zur Erziehung seiner heranwachsenden Kinder geäußert.[9] Nach der Heirat widmete sie sich unablässig der Betreuung und Ausbildung ihrer Stief- und hinzukommenden eigenen Kinder.[10] Musiktraditionen, mit denen sie durch ihre Stiefmutter Elisabeth und den Kontakt zum Komponisten Heinrich Schütz (1585-1672) vertraut war, etablierte sie nun am Wolfenbütteler Hof. Sie komponierte Singspiele mit Texten ihres Stiefsohnes Anton Ulrich,[11] und übersetzte zusammen mit ihren Stief- und leiblichen Kindern französische Romane ins Deutsche. Sie selbst war eine leidenschaftliche Spielerin der Viola da Gamba ‒ am Hof ihres Vaters, Herzog Johann Albrecht II. von Mecklenburg-Güstrow, hatte sie von dem Engländer William Brade (1560-1630) eine entsprechende musikalische Ausbildung erhalten. Nun setzte Sophie Elisabeth sich dafür ein, dass auch ihre Stiefkinder das Spielen dieses populären Instruments erlernten. Ein Familienbildnis dokumentiert, dass sie dabei offensichtlich erfolgreich war (siehe Abb. 2 in der Bildgalerie oben). Mit einem als Gelehrten geschätzten Vater und einer poetisch und musikalisch begabten Stiefmutter erhielten die zusammen heranwachsenden Geschwister eine vielseitige Erziehung an einem kinderfreundlichen Hof.

In ihrer Leichenpredigt bzw. dem darin enthaltenen Lebenslauf bleibt ihr Agieren als liebevolle Stiefmutter jedoch unerwähnt.[12] Obwohl die Trauerschrift allen Kindern gewidmet ist, wird im zugehörigen Lebenslauf die Tatsache ausgeklammert, dass Sophie Elisabeth die dritte Ehefrau von Herzog August II. war und sich sehr zugunsten der Betreuung und Erziehung ihrer vier Stiefkinder engagiert hatte. Es werden nur ihre leiblichen Kinder Ferdinand Albrecht und Marie Elisabeth erwähnt. Vermutlich war ihr Sohn Ferdinand Albrecht Herausgeber dieses Nachrufs, denn offensichtlich steht diese Diskrepanz in Zusammenhang mit dessen Nichtbeachtung bei der Erbfolge. Als Herzog August II. starb, wurde ihm als dessen drittem Sohn nämlich nur ein überschaubarer Teilbereich des Herzogtums (Schloss Bevern) zuerkannt. In seinen von ihm selbst publizierten Werken "Sonder-bahre [...] Andächtige Gedancken" (1677) und "Wunderliche Begebnüssen" (1678-1680) beklagte er sich auch später bitter über die Behandlung durch seine Brüder.[13] Leichenpredigt und Lebenslauf, die der betagte Hofprediger Brandanus Daetrius bei der Beerdigung Sophie Elisabeths 1676 vorgetragen hatte, enthielten vermutlich Hinweise auf ihr Verhalten als Stiefmutter, aber diese Passagen müssen für die Drucklegung wohl auf Anweisung Ferdinand Albrechts getilgt worden sein. Es ist unbekannt, wie die Kinder/Geschwister auf dieses biographische Porträt ihrer Stiefmutter/Mutter in dem Leichenpredigt-Druck reagierten. Die Beerdigung von Sophie Elisabeth fand zwar in Wolfenbüttel statt, jedoch hatte sie vor ihrem Tod schon zehn Jahre im weit entfernten Lüchow auf ihrem Witwensitz residiert. Der Wolfenbütteler Hof war inzwischen Lebensmittelpunkt nachwachsender Generationen, und dort hatte man gerade einen folgenreichen menschlichen Verlust erlitten. Der älteste Sohn Herzog Anton Ulrichs, August Friedrich (1657-1676), war im Siebenjährigen Krieg bei der Schlacht um Philippsburg erschossen worden. Seine Leiche wurde nach Wolfenbüttel transportiert und wenige Tage vor der Beerdigung seiner Stiefgroßmutter beigesetzt.[14] Mit diesem Schicksalsschlag beschäftigten sich die Mitglieder des tieferschütterten Hofes - nicht mit der Beerdigung einer alten Dame, die schon Jahre zurückgezogen auf ihrem Witwensitz gelebt hatte.

Mit den eigenmächtigen nachträglichen Texteingriffen zugunsten seiner selbst hat Ferdinand Albrecht seiner Mutter Unrecht getan. Denn nach allen überlieferten Berichten zu urteilen, hatte sie die schwierige Rolle, eine neue Mutter für die vier Wolfenbütteler Fürstenkinder zu sein, gemeistert und ihre diversen Begabungen und Talente zugunsten ihrer neuen Familie eingesetzt. Nachweislich verhinderten später Ferdinand Albrechts Halbbrüder die von ihm initiierte ausführliche und selbstverherrlichende Autobiographie in dessen eigener Leichenpredigt und ließen vor der Drucklegung wiederum deren Darstellungsweise verändern.

 

Prof. Dr. CORNELIA NIEKUS MOORE ist emeritierte Professorin für deutsche und niederländische Sprache an der University of Hawaii, Mānoa (USA). Sie lebt in Fairfax (USA); regelmäßige Forschungsaufenthalte führen sie u.a. an die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

 

Bestand: Stolberger Leichenpredigten-Sammlung (als Depositum in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)
Signatur: Slg. Stolberg 6921
Enthalten in: Katalog der fürstlich Stolberg-Stolberg'schen Leichenpredigten-Sammlung, Bd. III, Leipzig 1930

 

Anmerkungen:

[1] Siehe etwa folgende Publikationen: Anonym, Ein Warhafftige Newe Zeitung Von einer Stiefmutter vnd ihrem Stiefkindt/ wie sie demselbigen Kind ein gantz Jahr nichts anders als Rübstucken vnnd Rübschnitz fürgworffen zu essen/ Auch wie es von GOtt erhalten vnd ernehret worden/ vnd die Mutter darumb ihren verdienten Lohn empfangen [...], Magdeburg [1616] (VD17 1:691834X), Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz), PURL (Werk): http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000BF3500000000 (Zugriff: 15.06.2018); Anonym, Vier ganz neue Geschichtslieder [...] das Erste von einem Haffner zu Bärn, im Schweizerland, welcher eine Wittfrau mit Fünf Kindern geheyrathet, diese fünf Kinder aber hat er nur für seine Hund gehalten [...], o.O. 1780.

[2] Vgl. Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Bd. 40, Leipzig/Halle (Saale) 1744 (ND Graz 1962), S. 24-26.

[3] Vgl. Cornelia Niekus Moore, Stepfamilies and Blended Families in Protestant Funeral Sermons in Early Modern Germany, in: Lyndan Warner (Hg.), Stepfamilies in Europe, 1400-1800, London/New York 2018, S. 125-145.

[4] Vgl. die Leichenpredigt auf den anhaltinischen Hofrat Andreas Müller (1611-1668): Georgius Raumerus, Wie Wol Gott der Herr den guten und frommen Hertzen thue [...], Köthen 1668, Bl. G2v (VD17 7:713774C), Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (im Folgenden SUB Göttingen), PURL (Werk): http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN630747784 (Zugriff: 15.06.2018).

[5] Vgl. die Leichenpredigt auf den Kaufmann Christoph Buntz (1622-1698): Johann Heinrich Weihenmayer, XIII. Leich-Predigt [...], in: Ders., Heilsame Sterbens- und Todes-Betrachtungen [...], Ulm 1706, S. 270-291, hier S. 289 (VD18 10968989), Digitalisat der SUB Göttingen, PURL (Werk): http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN719687187 (Zugriff: 15.06.2018).

[6] Vgl. die Leichenpredigt auf den Buchbinder Christian Teichmann (1636-1660): Daniel Müller, Christ-gläubiges Hoffen und Ruffen [...], Leipzig 1661, Personalia (VD17 7:709688G).

[7] Vgl. die Leichenpredigt auf Regina Mager, geb. Weber, verw. Heide (1553-1631), Witwe von Peter Mager, Bürgermeister von Bischofswerda: Paulus Menius, Christlicher Leich-Sermon [...], Bautzen 1631 (Universitätsbibliothek Leipzig, Fam.756(K)3), Bl. E2.

[8] Vgl. Gudrun Busch, Wolfenbüttel, Halle, Weißenfels und wieder Wolfenbüttel. Glanz und Abglanz höfischen Musiktheaters zwischen Oker und Saale, in Eleonore Sent (Hg.), Die Oper am Weißenfelser Hof (Weißenfelser Kulturtraditionen 1), Rudolstadt 1996, S. 209-246.

[9] Schon vor ihrer Heirat schrieb Sophie Elisabeth 19 Briefe an Herzog August II., die die Erziehung der Kinder betrafen. Siehe Niedersächsisches Landesarchiv - Standort Wolfenbüttel, Nr. 1, Alt 23, Nr. 247, Bl. 4-41; siehe auch Karl Wilhelm Geck, Sophie Elisabeth Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg (1613-1676) als Musikerin (Saarbrücker Studien zur Musikwissenschaft, N.F. 6), Saarbrücken 1992, S. 36-38.

[10] Die Stiefkinder: Rudolf August (1627-1704), Sibylle Ursula (1629-1671), Clara Augusta (1632-1700) und Anton Ulrich (1633-1714); die eigenen Kinder: Ferdinand Albrecht (1636-1687), Maria Elisabeth (1638-1687) und Christoph Franz (geb./gest. 1639).

[11] Vgl. Gudrun Busch, Herzogin Sophie Elisabeth und die Musik der Lieder in den Singspielen Herzog Anton Ulrichs zu Braunschweig und Lüneburg, in: Dies./Anthony J. Harpert (Hg.), Studien zum deutschen weltlichen Kunstlied des 17. und 18. Jahrhunderts (Chloe 12), Amsterdam/Atlanta 1992, S. 127-182.

[12] Vgl. Brandanus Daetrius, Königes Davids Hertzens-Lust und Liebe zum steten Lobe Gottes [...], Wolfenbüttel [1677] (VD17 1:023499A), Digitalisat der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, PURL (Werk): http://diglib.hab.de/drucke/gn-4f-404/start.htm (Zugriff: 15.06.2018).

[13] Ferdinand Albrecht I. Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern, Sonder-bahre/ aus Göttlichen eingeben/ Andächtige Gedancken [...], Bevern 1677 (VD17 39:149266G); Ders., Wunderliche Begebnüssen und wunderlicher Zustand In dieser wunderlichen verkehrten Welt [...], 2 Bde., Bevern 1678-1680 (VD17 23:232740); vgl. dazu Jill Bepler, Ferdinand Albrecht, Duke of Braunschweig-Lüneburg (1636-1687). A Traveller and His Travelogue (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 16), Wiesbaden 1988, insbesondere S. 276-280.

[14] Vgl. Cornelia Niekus Moore, August Friedrich, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel (1657-1676). Trauer um den Gefallenen - die Leichenpredigt als Trost, in: Leben in Leichenpredigten 08/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/august-friedrich-herzog-von-braunschweig-wolfenbuettel-1657-1676.html (Zugriff: 15.06.2018).

 

Zitierweise: Cornelia Niekus Moore, Sophie Elisabeth Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel, geb. Herzogin von Mecklenburg-Güstrow (1613-1676). Die soziale Rolle der Stiefmutter, in: Leben in Leichenpredigten 10/2018, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/sophie-elisabeth-herzogin-von-braunschweig-wolfenbuettel-geb-herzogin-von-mecklenburg-guestrow-16.html>

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