Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Matthäus Wesenbeck (1531-1586)

01.04.2018

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Birthe zur Nieden

Sie wissen doch wol, das ich mit ihren händeln nicht wil zuschaffen haben – Ein Jurist und dessen Tod als konfessionelles Politikum

Porträt Matthäus Wesenbeck [1/4]

Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war das Zeitalter der Konfessionsbildung. Die neue Lehre musste sich konsolidieren und auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Dabei kämpften ihre Protagonisten mit der Vielfalt der theologischen Meinungen und Lehren, die zu teils heftigen innerkirchlichen Streitigkeiten führten. Die Ausarbeitung der Konkordienformel 1577 wird in der neueren Forschung oft als Endpunkt dieser Streitigkeiten gesehen, die zur eindeutigen Abgrenzung der lutherisch geprägten Kirche von den Lehren Calvins und der oberdeutschen und schweizerischen Reformatoren führte und den Beginn der lutherischen Orthodoxie darstellte.[1] Einen wirklichen Abschluss fand die Kontroverse damit allerdings nicht,[2] insbesondere nicht im kirchlichen Alltag, in dem zwangsläufig auch so mancher Laie zwischen die sich nun umso deutlicher darstellenden Fronten geriet, vor allem, wenn er sich nach der lutherischen Lehre vom Priestertum aller Gläubigen einen eigenen Standpunkt erarbeitet hatte und der einen oder anderen Meinung zuneigte.

Ein eindrückliches Beispiel für diese Schwierigkeiten bietet die Leichenpredigt auf Matthäus (auch: Matthias) Wesenbeck,[3] der sich als Jurist und Verfasser von juristischen Lehrwerken einen bedeutenden Namen erworben hatte. Für die Erforschung der Konfessionalisierung bietet sein Leben, vor allem aber sein Tod und die auf ihn gehaltene und gedruckte Leichenpredigt, die einen Austausch von Streitschriften heraufbeschwor, bespielhaft aufschlussreiche Einsichten.

Matthäus Wesenbeck wurde am 25. Oktober 1531 in Antwerpen geboren[4] und wuchs, wie es der Verfasser der Leichenpredigt, Polycarp Leyser (d.Ä.), ausdrückt, von jugent auff in der Finsternis des Bapsthumbs auf.[5] Wesenbeck studierte Jura und konvertierte noch als Student in Löwen zum protestantischen Glauben, nachdem er beim Ballspiel mit Kommilitonen einen wegen seines Glaubens eingekerkerten Protestanten Lutherlieder hatte singen hören. Von dessen Glaubensmut beeindruckt, setzte er sich daraufhin mit der Bibel und lutherischen Schriften auseinander.[6] Weil er seinen neugefundenen Glauben in seiner Heimat nicht ausüben konnte, emigrierte er, bekam 1557 einen Lehrauftrag an der neugegründeten Universität Jena, wurde 1558 als Erster dort zum Doctor juris promoviert und als Professor der Rechte berufen.[7]

1560 geriet er zum ersten Mal in die Auseinandersetzungen um die sog. Philippisten[8] und die orthodoxen Lutheraner hinein. Nachdem er sich für den wegen seiner nicht mit der theologischen Linie der ernestinischen Fürsten konform gehenden Ansichten seines Amtes enthobenen und sogar gefangengesetzten Victorin Strigel[9] eingesetzt hatte, geriet er in den Verdacht, selbst der philippistischen, wenn nicht gar der calvinistischen Lehre anzuhängen. Als er kurz darauf als Taufpate erbeten wurde, forderten die Ortsgeistlichen von ihm ein eindeutiges Bekenntnis zum Weimarer Konfutationsbuch,[10] bevor sie ihn zu diesem Amt zulassen wollten.[11] Wesenbeck verweigerte dies mit der Begründung, er sei kein Theologe, sondern Jurist, wäre an der Abfassung des Konfutationsbuches nicht beteiligt gewesen, und er bleibe deshalb bei seinem schon vor seiner Ankunft in Jena gehabten Glauben. Mit den theologischen Streitigkeiten habe er nichts zu schaffen. Weil er sich nicht von den Thesen Strigels distanzieren wollte (dieser sei noch nicht in einer ordentlichen Disputation widerlegt worden, und er als Jurist müsse beide Seiten hören, bevor er eine verurteilen könne), wurde er in der Konsequenz nicht als Taufpate zugelassen und auch von der Abendmahlsgemeinschaft ausgeschlossen. Er beschwerte sich mehrfach darüber beim Landesfürsten,[12] der nach etlichen Ermahnungen schließlich den Superintendenten absetzte. Wesenbeck blieb noch einige Jahre in Jena, bis er 1569 nach Wittenberg berufen wurde.[13]

Den dortigen lutherischen Geistlichen fiel er offenbar ebenfalls wegen seiner philippistisch-calvinistischen[14] Neigungen auf: Er habe sich, so Leyser in der Leichenpredigt, nicht in alles bey unsern Kirchen recht schicken können, auch sich gegen der Bekentnis unserer Kirchen etwas frembdes erzeigt. Leyser geht auf das Leben des Verstorbenen im Übrigen kaum ein, sondern konzentriert sich ganz auf sein Sterben, und das hat seinen Grund: Nachdem Wesenbeck sich lange Zeit nicht zum Abendmahl begeben hatte, sehnte er sich auf dem Totenbett sehr danach, um sich seiner Erlösung zu versichern. Während Wesenbeck seine Hinfälligkeit anführte, ging Leyser davon aus, dass seine Hinneigung zum Calvinismus der Grund dafür war, dass er seit Jahren auch den Gottesdienst nicht mehr besucht hatte. In jedem Fall wollte Leyser ihm das Abendmahl nicht one vorgehende notdürfftige unterred reichen. Kurz vor seinem Tod fand diese Unterredung statt, im Beisein von Wesenbecks Schwiegersohn Laurentius Bidermann sowie des Diakons Bartholomaeus Tilemann, wobei es denn auch nicht ohn einen straus und zimlichen harten stand abgangen. Laut Leyser erklärte sich Wesenbeck am Ende aber zu vier Punkten:

1. Er erkenne, dass er ein armer Sünder sei. Dazu zähle auch seine lange Abwesenheit von der Kirche und besonders vom Abendmahl, womit er andern Christen ergernis gegeben habe.
2. Er wolle ein Gliedmas der Kirche vor Ort sein, denn er erkenne, dass er nicht aus Zufall, sondern aus Gottes Fügung nach Wittenberg gekommen sei. Die lutherische Kirche halte er auch für ein theil der rechten waren Christlichen Catholischen Kirchen, auch wenn darin viel zu verbessern sei.
3. Er bekenne sich zur Realpräsenz des wahren Leibes und Blutes Christi im Abendmahl. Dabei klagte er allerdings, das er sich etwas schwach im glauben befinde, aber der gnädige Christus werde seinen Glauben gerade auch durch das Abendmahl stärken.
4. Falls er wieder gesunde, werde er auch in Zukunft zum Abendmahl gehen. Falls nötig, werde er sich einen eignen Wagen zurichten lassen, um damit in die Kirche gebracht zu werden.

Leyser erklärt dazu, er gehe davon aus, dass diese Aussagen vielen Anhängern seiner Konfession nicht ausgereicht hätten - im Unterschied zu ihm hätten sie verlangt, dass Wesenbeck sich deutlicher von den Calvinisten mit Namen distanzierte, auch öffentlich Kirchenbuße leiste und bekenne, dass er bislang geirrt habe. Diesen lassen wir ire meinung gern, und mögen sie zusehen, wieviel sie mit ihrem strengen Proces in der Kirchen Gottes erbawen. Leyser selbst geht davon aus, dass Wesenbecks "Bekehrung" echt war, zumal dieser nicht dafür bekannt gewesen sei, dass er mit worten einem andern zugefallen etwas hette fürgeben, das Er im Hertzen nicht also gehalten hette.

Im Vorwort schreibt Leyser, er habe die Predigt lange nicht veröffentlicht, weil seine Gegner sonst behaupten würden, man triebe mit dieses weitberhümbten und fürtrefflichen Mans bekerung Geistliche hoffart, indem man dessen Hinwendung zur lutherischen Lehre als Beweis für deren Wahrheit ansehen würde - oder aber, er hette solches gethan, dieweil im Alters und auch Kranckheit halb der verstand etwas entfallen, und man hätte ihn dazu überredet. Außerdem wolle er, Leyser, niemanden zu einer Glaubensänderung überreden. Nun sei er aber von so vielen Seiten dazu angehalten worden, die Predigt endlich zu veröffentlichen, dass er doch nachgegeben habe, zumal seine Gegner angefangen hätten zu behaupten, Wesenbeck habe sich gar nicht bekehrt, sonst hätte er die Predigt längst publiziert.

Wesenbecks Witwe und sein Schwiegersohn befanden es nach der Veröffentlichung dieser konfessionspolitisch aufgeladenen Predigt für nötig, eine Gegenschrift zu verfassen,[15] die im vorliegenden Stück aus der Kirchenbibliothek Schleiz ebenso wie die wiederum darauf reagierende "Apologia" Leysers[16] der Leichenpredigt nachgebunden ist. Hier entspinnt sich ein eindrucksvoller Streit um Wahrheit und Konfession voller Polemik. Die Erben erklären in ihrer "Apologia", dass die Leichenpredigt ohne Wissen und Willen der Familie, ja gegen ihr suchen, bitten unnd freundlichs verwarnen veröffentlicht worden sei. Sie hätten nicht nur mit Hilfe eines Juristen Leyser dazu zu bewegen versucht, den Druck zu unterlassen, sondern, nachdem sich der Pfarrer nicht darauf habe einlassen wollen, sich sogar an den Kurfürsten von Sachsen gewandt. Dessen entsprechender Befehl kam aber zu spät, es waren bereits etzliche hundert Exemplaria verbreitet worden, und in Jena hatte man die Predigt schon mit zusätzlichen Glossen nachgedruckt. Aus diesem Grund sähen sich die Erben nun genötigt, ihrerseits eine Widerlegung zu veröffentlichen. Darin wird die Unterredung zwischen Leyser und Wesenbeck teilweise Wort für Wort wiedergegeben. Der Sterbende erklärte, er sei aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Gottesdienst, aber aus Gewissensgründen nicht zum Abendmahl gegangen - zum einen habe er nicht vor einem Gemälde niederknien wollen, das dort am Altar angebracht war, eine Darstellung Gottvaters, was wieder Gott unnd sein Gebott sei. Zum anderen werde das Brot nicht wirklich gemeinsam gebrochen, wie es im Evangelium vorgeschrieben werde. Leyser habe zugegeben, dass seine Kirche Fehler habe, aber nicht in fundamento. Von den in der Predigt genannten vier Punkten sei so aber nie die Rede gewesen. Auch habe Wesenbeck nach der Kommunion sein Testament diktiert, worin er seinen Glauben klar bekannt habe, sowie allen Besuchern gesagt, das er bey seiner erkanten Lehr und Glauben bleiben wolle und sich davon von niemandem abbringen lasse, auch nicht vom Pfarrer; der sei ein Tröstlicher Man, mit dessen Interpretationibus und Disputationibus er aber durchauss nichts zuthun haben wolle.

Die Darstellung der Begebenheiten in der Leichenpredigt sei somit grundlegend falsch, und Leyser habe auf unmoralische Weise einen Toten für seine Zwecke missbraucht.

Betont wird vor allen dingen und aussdrücklich, dass diese Schrift sich ausschließlich auf ihres sehligen Vaters D. Matthaei Wesenbecks Person, Glauben und Bekentnuss beziehe und weiter nicht gemeinet sein, noch anders verstanden werden soll.

Allerdings ist klar, dass die Schrift keineswegs außerhalb von politischen Zusammenhängen steht. Unter Kurfürst August von Sachsen, der im Februar 1586 verstorben war, hatte in dessen späteren Regierungsjahren eine klare lutherisch-konservative Politik vorgeherrscht, die mit der Konkordienformel eine deutliche Abgrenzung gegen den Calvinismus anstrebte.[17] Der Regierungsantritt Christians I., der das harte Vorgehen seines Vaters gegen einen abweichenden Glauben ablehnte,[18] veränderte diese Grundlinie nachhaltig und eröffnete damit auch für Witwe und Schwiegersohn des im Juni desselben Jahres verstorbenen Wesenbeck die Möglichkeit, sich offener zu ihrer Glaubensrichtung zu bekennen, als das vorher möglich gewesen wäre.

Polycarp Leyser verstand diese politische Dimension des Streites zweifellos, auch wenn er sich in seiner Erwiderung rhetorisch ebenfalls auf die persönliche Ebene zurückzog: Eigentlich habe er sich nicht auf einen Austausch von Streitschriften einlassen wollen, vor allem, weil es wichtigere, inhaltliche Dinge gebe, über die man sich streiten müsse, und an denen auch mehr gelegen ist, dann daß man wisse, ob D. Wesenbeck auff gut Lutherisch oder Calvinisch gestorben sey. Allerdings hätten ihm etliche Leute geraten, er könne die Aussagen, er als Pfarrer sei ein Lügner, nicht so stehen lassen, denn dabei gehe es nicht nur um ihn als Person, sondern vor allem um sein Amt, das er gegen solche Vorwürfe verteidigen müsse. Zudem fühle er sich als ehemaliger[19] Seelsorger der Familie dazu verpflichtet, sie von ihren Irrwegen abzubringen.

Er bemängelt, dass in der Gegenschrift, deren Abfassung er dem Schwiegersohn des Verstorbenen zuschreibt, nicht klar gesagt werde, von welcher Lehre sich Wesenbeck dessen Meinung nach eben nicht abgewendet habe. Die Calvinisten seien Dockmäusisch und ihre Anhänger schämten sich offenbar ihrer Lehre - weder Bidermann noch die Witwe hätten je ihrem Beichtvater, also Leyser selbst, gegenüber zugegeben, dem Calvinismus zuzuneigen. Solche heimlichen Calvinisten richteten allerley Zerrüttung und Verwüstung an, ohne dass man sie erkennen könne. Darum sei ihm ein Calvinist, der sich öffentlich dazu bekenne, deutlich lieber als einer, der das nicht tue, da man davon ausgehen müsse, dass Letzterer sich selbst seiner Sache nicht sicher sei und aus reinem Trotz und bösem Willen seinen Irrtum nicht einsehen wolle.

Er selbst habe weder in seiner mündlichen Predigt noch in der schriftlichen Ausarbeitung behauptet, Wesenbeck habe seinen Irrtum widerrufen oder Revocation geleistet - erstens, weil er gewusst habe, wie das als Politikum aufgenommen werden würde, zweitens, weil zu einer Revocation weit ein anderer Proceß gehöret, dann ich mit D. Wesenbeck seliger fürgenommen habe, vor allem aber drittens, weil er das, was an Wesenbecks Sterbebett geschehen sei, eher ein zunemmen unnd wachsen inn Christlichen Glauben, denn eines Glaubens Revocation oder Widerruff nennen wolte. Denn in der Abendmahlsfrage hätten die Calvinisten ja eben gerade keinen Glauben,[20] sodass in dieser Hinsicht auch nichts widerrufen werden, sondern nur Glaube wachsen könne.

Die Unterredung selbst sei viel länger gewesen, als die wenigen Seiten suggerierten, die Bidermann ihr in der Gegenschrift widmet. Dort wurden nur die Bilderfrage und das Brotbrechen[21] behandelt. Leyser führt in der Folge genauer aus, welche Punkte im Gespräch abgehandelt wurden und wie Wesenbeck darauf reagiert habe. Am Ende habe er Wesenbeck sehr wohl die besagten vier Punkte vorgelegt. Wesenbeck habe diesen zugestimmt und nicht, wie in der Gegenschrift behauptet, trotzig gefordert, man möge ihn mit diesen Händeln in Ruhe lassen und Leyser solle ihm das Abendmahl reichen; wenn nicht, müsse er sich eben Gott anbefehlen. Leyser habe es nicht nötig gehabt, sich das Reichen des Abendmahls derart abtrotzen zu lassen.

Dass Wesenbeck auch schon unter Kurfürst August aufgrund seines Ruhmes als Jurist[22] von der scharfen konfessionellen Politik ausgenommen war, wird aus einer Begebenheit deutlich, die Leyser im Folgenden ausführt, um sich gegen den Vorwurf der Erben zu verteidigen, er habe bereits im Vorjahr durch eine Unterredung über die Glaubensstreitigkeiten bei Wesenbeck verursacht, dass ihn der Schlag gerühret hette. Schon 1584 sei ihm, Leyser, aufgetragen worden, mit Wesenbeck zu sprechen, nachdem dieser seit Jahren weder zur Predigt noch zum Abendmahl gekommen war. Das alles sollte aber vorsichtig, bei passender Gelegenheit und gütlich geschehen, da der Kurfürst nicht auf den berühmten Juristen verzichten wollte und ihn darum schon in der Subscription deß Christlichen Concordien Buchs verschonet habe, sodass Leyser aufpassen sollte, ihn nicht womöglich aus dem Land zu vertreiben.

Als letzten Punkt behandelt Leyser den Bericht über Wesenbecks Aussagen nach der Kommunion, aus denen klar wurde, dass er weiterhin calvinistisch dachte. Leyser führt an, dass er nach der Unterredung nicht damit hinter dem Berg gehalten habe, dass Wesenbeck in den Schoß der lutherischen Kirche zurückgekehrt sei - das sei durch die gantze Statt Wittenberg, nicht heimlich geblieben, sondern laut gnug erschollen. Falls er also tatsächlich Wesenbecks Aussagen anders interpretiert hätte, als sie gemeint gewesen seien, und dem Sterbenden damit etwas wider seinen Willen angedichtet, hätten sowohl Wesenbeck selbst als auch seine Angehörigen bereits vor seinem Tod dem widersprechen müssen, das sei aber nicht geschehen. Auch nach der Leichenpredigt selbst sei von den Erben nichts zu hören gewesen; der Widerspruch erfolgte erst, nachdem er die Predigt habe drucken lassen.

Es sei zudem von niemandem zu leugnen, dass Wesenbeck nach dem Abendmahl ein anderer gewesen sei - zwischendurch sei er zwar durch einen Besucher wider etwas irr gemacht worden, habe sich aber durch lange und wiederholt von Wesenbeck selbst erbetene Gespräche wieder beruhigen lassen. Wenn der Sterbende wirklich verlangt hätte, Leyser solle ihn mit seinen Händeln verschonen, unnd ihne ungeplagt lassen, warum habe ihn dann niemand aufgefordert, nicht mehr zu kommen? Stattdessen erinnere er sich, dass Wesenbeck im Gegenteil seinen Schwiegersohn Bidermann aufgefordert habe, seiner mit solchen Händeln zu verschonen.

Leyser schließt mit dem Vorwurf, Witwe und Schwiegersohn selbst seien es, nicht er, die den Verstorbenen entehrten, indem sie ihn nämlich als einen Mann, von einem falschen Hertzen, mit Zweyzüngigem Mund darstellten, der dem Pfarrer und dem Diakon gegenüber so tat, als sei er von deren Lehrmeinung überzeugt, tatsächlich aber weiterhin anders dachte.

Aus allen drei Schriften und der Überlieferung zu dem früheren Vorfall in Jena ergibt sich ein recht deutliches Bild der Persönlichkeit Matthäus Wesenbecks, der mit seiner ausgleichenden Art als ein echter Anhänger Philipp Melanchthons gelten kann. Sehr wahrscheinlich wäre ihm weder die Darstellung Leysers noch die seiner Familie recht gewesen, und vermutlich war er dabei weder ein Heuchler noch ein überzeugter Calvinist, sondern jemand, der seinen Glauben gefunden hatte und die theologischen Streitigkeiten für unnütz und schädlich hielt. Die wiederholten Aussagen, dass er nichts mit diesen Händeln zu tun haben wolle, finden sich in allen drei Schriften wieder. Im Zeitalter der Konfessionalisierung aller Lebensbereiche war aber ein solcher ausgleichender Standpunkt zum Scheitern verurteilt: Wesenbeck war ja keineswegs der einzige "Philippist", der unter dieser Polarisierung leiden musste.[23]

Die Erforschung der Bekenntnisbildung der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begrenzt sich oft auf die Zeit zwischen Interim und Konkordienformel[24] und setzt dann in der Hochzeit der lutherischen Orthodoxie im 17. Jahrhundert wieder ein. Der Streit um die Leichenpredigt des Matthäus Wesenbeck kann dagegen als sprechendes Beispiel für die Jahre der Konsolidierung der lutherischen Orthodoxie und deren Kampf gegen den sog. Kryptocalvinismus in den letzten beiden Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts dienen.[25]

 

BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Kirchenbibliothek Schleiz
Signatur: 830
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Kirchenbibliothek Schleiz (Marburger Personalschriften-Forschungen 60) (in Vorbereitung)

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. Johannes Wallmann, Lutherische Konfessionalisierung - ein Überblick, in: Hans-Christoph Rublack (Hg.), Die lutherische Konfessionalisierung in Deutschland (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 197), Gütersloh 1992, S. 33-53, hier S. 49f.

[2] Nicht alle lutherisch geprägten Protestanten nahmen die Konkordienformel an, sodass eine Einigkeit letztlich nur in kleinerem Rahmen stattfand. Vgl. ebd., S. 51f.

[3] Zur Biographie Wesenbecks siehe vor allem Heiner Lück, Ein Niederländer in Wittenberg. Der Jurist Matthäus Wesenbeck (1531-1582), in: Niederlande-Studien 2 (1991), S. 199-209.

[4] Andreas Rauchbar, Oratio de vita et obitu clarissimi iureconsulti Matthaei Wesenbeccii [...], Wittenberg 1587, Bl. A4v (VD16 R 386), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München (im Folgenden: BSB München), PURL (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10158328-7 (Zugriff: 06.02.2018).

[5] Soweit nicht anders gekennzeichnet, stammen alle hier und im Folgenden verwendeten Zitate aus der Leichenpredigt: Polycarp Leyser (d.Ä.), Eine Predigt Uber der Leich, des weiland Edlen, Ehrnvesten und Hochgelarten Herrn, Matthaei Wesenbecks [...], Wittenberg 1587 (VD16 L 1469). Für die Darstellung wurde das Exemplar in der Kirchenbibliothek Schleiz, Sign. 830 (im Folgenden: KB Schleiz, 830), verwendet. Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PURL (Werk): http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001589F00000000 (Zugriff: 28.02.2018).

[6] Vgl. Rauchbar, Oratio (wie Anm. 4), Bl. C4r.

[7] Vgl. Christian August Salig, Christian August Saligs Vollständige Historie Der Augspurgischen Confeßion und derselben zugethanen Kirchen, Dritter Theil: [...] Im achten, neundten und zehnten Buche Die Historie der Reformation in Teutschland, biß auf das Jahr 1563 fortführend [...], Halle (Saale) 1735, S. 580, Digitalisat der BSB München, PURL (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10360961-3 (Zugriff: 07.02.2018); Robert Feenstra, Matthäus Wesenbeck (1531-1586) und das römisch-holländische Recht (mit einer Bibliographie seiner juristischen Schriften), in: Heiner Lück (Hg.), Wittenberg. Ein Zentrum europäischer Rechtsgeschichte und Rechtskultur, Köln/Weimar/Wien 2006, S. 175-243, hier S. 176.

[8] Als "Philippisten" wurden Philipp Melanchthons Nachfolger bezeichnet, die einen interkonfessionellen Ausgleich anstrebten und auch in der Lehre vor allem zum Abendmahl, dem Hauptstreitpunkt, eine Mittelstellung zwischen Luther und Calvin/Zwingli einnahmen.

[9] Zu Strigel siehe Thomas Pfundner, Art. "Strigel, Victorin", in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 555f., URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd124408494.html#ndbcontent (Zugriff: 07.02.2018).

[10] Das sog. Konfutationsbuch trägt den Titel: Des Durchleuchtigen Hochgebornen Fürsten und Herren, Herrn Johans Friderichen des Mittlern, Hertzogen zu Sachsen [...] gegründete Confutationes, Widerlegungen und verdamnung etlicher ein zeit her, zu wider [...] anrichtung des Antichristlischen Bapstumbs eingeschlichenen [...] Secten und Irrthumen [...], Jena 1559 (VD16 S1098), Digitalisat der BSB München, PURL (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10167980-3 (Zugriff: 07.02.2018). Eine Edition des Vorworts und nähere Erläuterungen zum Konfutationsbuch finden sich unter: In Gottes wort gegründete Confutationes etlicher Corruptelen; Weimarer Confutationsbuch, dt., in: Controversia et Confessio Digital, hg. von Irene Dingel, URL: http://www.controversia-et-confessio.de/id/f9dca148-1b71-466b-a7e2-9cc3abfeb0a9 (Zugriff: 07.02.2018).

[11] Zu diesen später als "Wesenbecksche Händel" bekannt gewordenen Ereignissen siehe in der Folge Salig, Vollständige Historie (wie. Anm. 7), S. 581ff.

[12] Diese Briefe finden sich ebenso wie der Bericht des Superintendenten Winter über die Befragung Wesenbecks, der ebenfalls an den Hof in Weimar gesendet wurde, sowie etliche weitere Schreiben zwischen den Beteiligten und dem Landesherrn abgedruckt in: Entdecktes Staats-Cabinet, Darinnen so wohl das jus publicum, feudale Und ecclesiasticum Nebst dem Ceremoniel- und Curalien-Wesen, Als auch die Kirchen- und Politische Historie, Samt der Genealogie- und Litteratur [...] illustriret wird 1 (1714), S. 38-171 (VD18 90299477), Digitalisat des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte, PURL (Werk): http://hdl.handle.net/hdl:11858/00-001M-0000-0022-AD31-B (Zugriff: 12.02.2018).

[13] August Ritter von Eisenhart, Art. "Wesenbeck, Matthäus", in: Allgemeine Deutsche Biographie 42 (1897), S. 134-138, URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11757287X.html#adbcontent (Zugriff: 13.02.2018).

[14] So zumindest wurden diese beiden protestantischen Lehrmeinungen vom orthodoxen Luthertum gleichgestellt, was auch heute noch teilweise so geschieht. Die Gleichstellung ist allerdings fragwürdig, da die Übergänge zu dieser Zeit, in der die Konfessionen erst im Entstehen begriffen waren, als fließend zu begreifen sind. Siehe dazu Irene Crusius, "Nicht calvinistisch, nicht lutherisch". Zu Humanismus, Philippismus und Kryptocalvinismus in Sachsen am Ende des 16. Jahrhunderts, in: Archiv für Reformationsgeschichte 99 (2008), S. 139-174, hier S. 139f.

[15] Apologia Und Gründliche Wiederlegung der nachgelassenen Erben [...] Matthaej Wesenbecks [...] Wieder Die von D. Polycarpo Leisern [...] in druck gegebene, und folgendes zu Jhena mit etzlichen vormeinten glossen nachgedruckte Leichtpredigt [...], o.O. o.J. (KB Schleiz, 830; VD16 A 3151), Digitalisat der BSB München, PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00025805-7 (Zugriff: 28.02.2018).

[16] Polycarp Leyser (d.Ä.), Apologia, Das ist: Eettung [sic!] der Leichpredigt, welche Doct. Polycarpus Leyser für zweyen Jahren in der Schloßkirchen zu Wittenberg, bey dem Begräbnuß deß Herrn D. Matthei Wesenbecks, Gottseligen, gethan hat. Geschrieben von Doctore Polycarpo Lysero, und offentlich entgegen gesetzt der Apologien, welche die Wesenbeckische Erben wider D. Polycarpum haben drucken lassen, und heimlich hin und wider spargieren, Rostock 1588 (KB Schleiz, 830; VD16 L 1421); Digitalisat der BSB München, PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00025806-3 (Zugriff: 28.02.2018).

[17] Zu Kurfürst August von Sachsen siehe Hellmuth Rößler, Art. "August", in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 448-450, URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119458446.html#ndbcontent (Zugriff: 14.02.2018); Jens Bruning, Art. "August", in: Sächsische Biografie, hg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky, URL: http://saebi.isgv.de/biografie/August,_Kurf%C3%BCrst_von_Sachsen_(1526-1586) (Zugriff: 14.02.2018).

[18] Zu Kurfürst Christian I. von Sachsen siehe Siegfried Hoyer, Art. "Christian I.", in: ebd., URL: http://saebi.isgv.de/biografie/Christian_I.,_Kurf%C3%BCrst_von_Sachsen_(1560-1591) (Zugriff: 14.02.2018).

[19] Leyser war inzwischen nach Braunschweig berufen worden, hatte dem Kurfürsten die Entscheidung über den Stellenwechsel überlassen und war anders als erwartet von diesem entlassen worden, ein deutliches Zeichen für die calvinismusfreundliche Konfessionspolitik Christians I. Siehe dazu Theodor Mahlmann, Art. "Leyser, Polykarp von", in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 436f., URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116991534.html#ndbcontent (Zugriff: 14.02.2018); Wolfgang Sommer, Die lutherischen Hofprediger in Dresden. Grundzüge ihrer Geschichte und Verkündigung im Kurfürstentum Sachsen, Stuttgart 2006, S. 115-133, hier S. 116f.

[20] Ein Bezug auf die Ansicht der Reformierten, Brot und Wein seien bloße Zeichen für Christi Tod statt wirklich dessen Leib und Blut.

[21] Wesenbeck verlangte mehrfach, das Brot müsse vor der Austeilung gebrochen werden, eine dezidiert reformierte Praxis, die von der lutherischen Orthodoxie abgelehnt wurde. Ein wichtiger Anstoß dafür war eine Schrift aus dem Jahr 1563: Erzelung Etlicher ursachen, warumb das hochwirdig Sacrament des Nachtmals unsers Herren und Heylandts Jhesu Christi, nicht solle ohne das brodbrechen gehalten werden, Heidelberg 1563 (VD16 E 3914), Digitalisat der BSB München, PURL (Werk): http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0003/bsb00035956/images/ (Zugriff: 22.02.2018).

[22] Seine 1563 erschienenen "Paratitla" waren weit verbreitet und sehr anerkannt. Siehe u.a. Feenstra, Wesenbeck (wie Anm. 7); Christoph Strohm, Calvinismus und Recht. Weltanschaulich-konfessionelle Aspekte im Werk reformierter Juristen der Frühen Neuzeit (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 42), Tübingen 2008, S. 16f.

[23] Für Wittenberg siehe vor allem Ulrike Ludwig, Philippismus und orthodoxes Luthertum an der Universität Wittenberg. Die Rolle Jakob Andreäs im lutherischen Konfessionalisierungsprozeß Kursachsens (1576-1580) (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 153), Münster 2009.

[24] Siehe u.a. "Controversia et Confessio" (URL: http://www.controversia-et-confessio.de/ [Zugriff: 22.02.2018]), ein Projekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz, das Quellen zur Bekenntnisbildung und Konfessionalisierung ediert und dabei den Zeitrahmen auf 1548-1580 festsetzt. Ebenso z.B. für den thüringischen Raum Daniel Gehrt, Ernestinische Konfessionspolitik. Bekenntnisbildung, Herrschaftskonsolidierung und dynastische Identitätsstiftung vom Augsburger Interim 1548 bis zur Konkordienformel 1577 (Arbeiten zur Kirchen- und Theologiegeschichte 34), Leipzig 2011.

[25] Laut Crusius, Humanismus (wie Anm. 14), sollten gerade solche individuellen Lebensgeschichten von als Kryptocalvinisten Verfolgten näher erforscht werden, um die Abgrenzung zur klaren konfessionellen Einordnung in Calvinisten und Gnesiolutheraner herauszuarbeiten. Ebd., S. 140.

 

Zitierweise: Birthe zur Nieden, Matthäus Wesenbeck (1531-1586). Sie wissen doch wol, das ich mit ihren händeln nicht wil zuschaffen haben – Ein Jurist und dessen Tod als konfessionelles Politikum, in: Leben in Leichenpredigten 04/2018, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/matthaeus-wesenbeck-1531-1586.html>

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