Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Johanna Rebecca Senckenberg, geb. Riese (1716-1743)

01.07.2010

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Jörg Witzel

Eine Ehefrau als spirituelle Gefährtin und Leiterin ihres Gatten

Johann Christian Senckenberg [1/2]

Wer den Namen Senckenberg heutzutage hört, verbindet ihn in erster Linie mit dem Senckenbergmuseum in Frankfurt am Main, einem der größten Naturkundemuseen in Deutschland. Über den Mann, dessen Namen dieses Museum trägt, gibt es selbst in der neuesten Auflage des Brockhaus keinen Artikel. Johann Christian Senckenberg (1707-1772), als Frankfurter Stadtphysicus für das Gesundheitswesen dieser Reichsstadt mitverantwortlich, stiftete 1763 sein gesamtes Vermögen zur Förderung der Heilkunde und zur Versorgung unbemittelter Kranker. Später erweiterte er seine Stiftung noch um eine zusätzliche wichtige Aufgabe: die Gründung und Unterhaltung eines heute noch existierenden Bürgerhospitals. Dieses Hospital wurde zusammen mit einem medizinischen Institut inklusive einer Bibliothek und einer naturhistorischen Sammlung, einem botanischen Garten, einem Gewächshaus, einem chemischen Laboratorium und einer Anatomie auf dem Stiftungsgelände errichtet.

Diese von Senckenberg ins Leben gerufenen Einrichtungen erwecken den Eindruck, dass ihr Urheber der Aufklärung, dem Rationalismus und der neuzeitlichen Naturwissenschaft innig verbunden war. Kaum bekannt ist jedoch, dass Senckenberg tief religiös und mit dem radikalen Pietisten Johann Konrad Dippel befreundet war.[1] Diese Seite des Mediziners findet ihren prägnanten Ausdruck in einer Trauerschrift, die er über seine erste Ehefrau Johanna Rebecca, geb. Riese, verfasste. Sie war die Tochter eines Juweliers und brachte ein großes Vermögen in die Ehe ein, das wiederum im Stiftungsvermögen aufging. Senckenberg führte mit ihr eine glückliche Ehe, die aber jäh endete, als sie 26jährig nach der Geburt ihres ersten Kindes am Kindbettfieber starb.

Die Trauerschrift wurde gemeinsam mit Epicedien der nächsten Angehörigen und einer Abdankung noch im Todesjahr der Frau veröffentlicht. Das Fehlen einer Leichenpredigt in dieser Publikation lässt auf Distanz des Pietisten Senckenberg zur lutherischen Amtskirche seiner Vaterstadt schließen. Der Witwer will erklärtermaßen in seiner Schrift das Leben seiner Frau als erweckliches Beispiel für ein seliges Leben schildern und hofft, dadurch manchen Seelen dienlich zu sein. Damit ist dieser Text dem Genre der gerade im Pietismus beliebten biographischen Exempelliteratur[2] zuzuordnen. Es handelt sich nicht um eine Beschreibung der einzelnen Stationen des Lebenslaufes wie in den Personalia der Leichenpredigt, sondern um eine Schilderung vor allem der spirituellen Qualitäten der Verstorbenen.

Das Bild, das Senckenberg von seiner Frau entwirft, entspricht den Idealen des Pietismus. Den äußeren Gottesdienst hielt sie zwar ordentlich, als eine nöthige Anweisung zum Anfang im Christentum, sah ihn aber pietistischem Verständnis gemäß nicht als das Entscheidende an. Vielmehr hatte die geistliche Wiedergeburt und die unmittelbare Erfahrung Gottes in ihrem Herzen für sie eine zentrale Bedeutung. Zur diesseitigen Welt und ihren Freuden hielt sie gebührende Distanz. Sie führte daher einen ordentlichen, stillen und eingezogenen Lebenswandel. Ihre Liebe zu Gott zeigete sich mehr in der That und Exempeln, als in vielen Worten. Ihre tätige Nächstenliebe war allerdings nicht blind, sondern sie wollte ihre Mitmenschen bessern und belehren, sofern es nötig war.

In Senckenbergs Augen diente die Ehe mit Johanna Rebecca der Beförderung unseres gemeinschafftlichen Bestens, vornehmlich in Dingen, so die Seligkeit betraffen, als unserm Haupt-Endzweck auf dieser Welt. Im Rückblick räumt er seiner Ehefrau sogar eine gewisse Führungsrolle in dieser gegenseitigen spirituellen Förderung ein, da sie ihm in ihrem tugendhaften Verhalten oft Vorbild gewesen sei. Auch wenn im Pietismus Frauen eine besondere Affinität zu einer intensiven Frömmigkeit zugesprochen wurde, hielt man doch meist an der traditionellen Rollenverteilung von Mann und Frau fest.[3] Spener vertrat beispielsweise die Ansicht, der Ehemann habe sein Weib zur Gottseligkeit anzutreiben. Senckenberg hingegen sieht sich zu diesem Ziel von seiner Frau geleitet.

Dass seine Frau keine gelehrte Bildung besaß, ist für ihn ein Vorzug im Hinblick auf ihre spirituelle Entwicklung. Gerade den einfältigen und unmündigen, aber von Gott gelehrten Kindern offenbarten sich die göttlichen Geheimnisse. Und von hier aus schlägt Senckenberg einen Bogen zur rechten (natur-) wissenschaftlichen Erkenntnis im Sinne der Aufklärung. Die Wissenschaft müsse einfältig werden, um nützlich zu sein. Sie wird einfältig, indem man die Dinge, so man vor sich hat, durch und durch kennen lernet, ohne sich mit Wind, leergelehrten Meinungen und disputirlichen Zänckereyen aufzuhalten. Das ist ein Plädoyer für empirische Erkenntnis gegen die Autorität tradierter Lehrmeinungen. Der Pietist Senckenberg findet so seinen persönlichen Weg zum neuzeitlichen Wissenschaftsverständnis.[4]

Doch dieser Mann, der sich durchaus im Einklang mit der Naturwissenschaft seiner Zeit befand, glaubte an Geistererscheinungen. Seinen bekanntesten Niederschlag hat Senckenbergs Geisterglaube in Goethes 'Dichtung und Wahrheit' gefunden.[5] Der Dichter weiß aus eigener Anschauung von einem seltsamen Zickzackgang des Arztes zu berichten. Spottend habe man ihm nachgesagt, er weiche dadurch den Seelen der Verstorbenen aus, die ihn nur in gerader Linie verfolgen könnten. Senckenberg selbst beschreibt im Charakterbild seiner verstorbenen Frau eine Spukerscheinung, die sich am Abend vor der Beerdigung im Trauerhause zugetragen habe. Mehrmals sei ein deutliches Klopfen gegen Türen vernommen worden, das nicht auf eine anwesende Person zurückzuführen gewesen sei. Senckenberg deutet diese Erscheinung als Beleg für die Annahme, dass sich die Seelen der Verstorbenen in den ersten Tagen nach ihrem Tod nicht weit entfernten.

So ist diese Quelle ein anschaulicher Beleg für die Vereinbarkeit des scheinbar Unvereinbaren im Zeitalter der Aufklärung. Pietistische Frömmigkeit, Geisterglaube und neuzeitliche Naturwissenschaft vereinen sich in der Person des Johann Christian Senckenberg zu einer individuellen Synthese. Zugleich liefert das Charakterbild der Johanna Rebecca Senckenberg einen wertvollen Beitrag für die Erforschung der Rollen, die Frauen im Pietismus spielen konnten und durften.

 

Dr. JÖRG WITZEL ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
Signatur: S 4 e /119
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main und im Freien Deutschen Hochstift Frankfurt, Goethe-Museum (Marburger Personalschriften-Forschungen 26), Stuttgart 1999

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. auch im Folgenden Thomas Bauer, Johann Christian Senckenberg. Eine Frankfurter Biographie 1707-1772, Frankfurt (Main) 2007, S. 58-64, 93-98.

[2] Vgl. Ruth Albrecht, Frühe Neuzeit, in: Christian Klein (Hg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart/Weimar 2009, S. 230-234, hier S. 231f.

[3] Vgl. Andreas Gestrich, Ehe, Familie, Kinder im Pietismus. Der "gezähmte Teufel", in: Hartmut Lehmann (Hg.), Geschichte des Pietismus, Bd. 4: Glaubenswelt und Lebenswelten, Göttingen 2004, S. 498-521, hier S. 508f. - Zur weiblichen Frömmigkeit in der Frühen Neuzeit vgl. Elisja Schulte van Kessel, Jungfrauen und Mütter zwischen Himmel und Erde. Frauen im frühmodernen Christentum, in: Arlette Farge/Natalie Zemon Davis (Hg.), Geschichte der Frauen, Bd. 3: Frühe Neuzeit, Frankfurt (Main)/New York 1994, S. 151-188, besonders S. 166.

[4] Zur durchaus nicht wissenschaftsfeindlichen Einstellung des Halleschen Pietismus – Senckenberg hatte in Halle (Saale) Medizin studiert – vgl. Thomas Müller-Bahlke, Naturwissenschaft und Technik. Der Hallesche Pietismus am Vorabend der Industrialisierung, in: Lehmann (Hg.), Pietismus (wie Anm. 3), S. 357-385.

[5] Erich Trunz (Hg.), Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Bd. 9, 11. Aufl., München 1989, S. 78.

 

Zitierweise: Jörg Witzel, Johanna Rebecca Senckenberg (1716-1743). Eine Ehefrau als spirituelle Gefährtin und Leiterin ihres Gatten, in: Leben in Leichenpredigten 07/2010, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johanna-rebecca-senckenberg-1716-1743.html>

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