Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Johann Spangenberg (1484-1550)

01.08.2017

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Irene Dingel

„Funffzehen Leichprediget“ – Die erste Leichenpredigten-Postille

Titelblatt "Funffzehen Leichprediget [...]" [1/3]

In Kontrast zu einer an sakramentalem Handeln orientierten Frömmigkeit der Römischen Kirche stellte die Reformation die Vermittlung des Evangeliums in der Predigt in den Mittelpunkt. Während seines Aufenthalts auf der Wartburg 1521/22 erstellte Martin Luther auf Anregung seines Landesherrn, Kurfürst Friedrichs des Weisen von Sachsen, eine Sammlung von Musterpredigten, die den Pfarrern als Anleitung und Exempel für das reformatorische Predigen dienen sollte. Denn die bisherige Art der Predigt als Heiligenlegende oder moralisierende Ausführung sollte überwunden werden; eine neue Form und neue Inhalte waren einzuüben. Dieses Sammelwerk wurde unter den Namen "Kirchenpostille" oder "Wartburgpostille" bekannt. Die Bezeichnung "Postille" ist von den lateinischen Worten "post illa verba" (d.h. "nach jenen Worten") abgeleitet, so dass man bereits aus dieser Bezeichnung den Charakter des Werks als "Musterbuch" erkennen konnte. Später fanden Postillen auch als Erbauungsbücher Gebrauch. Während sich die von Luther beeinflusste Reformation weiterhin an den bereits in der Alten Kirche ausgewählten Bibelstellen für die regulären Wochentags- und Sonntagspredigten orientierte, gab es für das neu entstehende Genre der Leichenpredigt zunächst keine Vorgaben - weder in der Frage nach der zugrunde zu legenden Schriftstelle noch im Blick auf die homiletische Gestaltung -, nach denen sich der Prediger bei Begräbnissen hätte richten können. Erst für die Mitte des 16. Jahrhunderts lässt sich eine Sammlung von Leichenpredigten nachweisen, die als Postille dienen sollte und exemplarische Predigten zusammenführte. Es handelt sich um die im Jahre 1545 erschienenen "Fünfzehn Leichenpredigten"[1] von Johann Spangenberg (1484-1550).

Johann Spangenberg war ein Zeitgenosse Luthers, hatte nach seinem Studium in Erfurt früh dessen reformatorische Lehre angenommen und gewann als Pfarrer in Nordhausen (seit 1524) und Superintendent in Mansfeld (seit 1546) sowie durch seinen Einsatz für das Schulwesen Bedeutung.[2] Seine Predigtsammlung erfreute sich außerordentlicher Beliebtheit und erlebte innerhalb von ca. 20 Jahren (1545-1568) mindestens neun weitere Auflagen.[3] Die hier versammelten Predigten orientieren sich an alttestamentlichen Bibelversen. Kurz darauf kamen aber drei weitere Bände mit Leichenpredigten heraus, denen Verse aus dem Neuen Testament zugrunde liegen und an denen Johanns Sohn Cyriakus beteiligt war.[4] Auf diese Weise wurden auch die vier Evangelien für die Kasualpredigt aus Anlass des Begräbnisses erschlossen. Dass Johann Spangenberg seine Leichenpredigten ausdrücklich als "Postille" genutzt wissen wollte, geht daraus hervor, dass er die Pfarrer ermunterte, die Musterpredigten durchaus auch auf andere Bibelstellen anzuwenden. In diesem Sinne nannte er selbst am Ende eine Reihe von weiteren "Themata. Oder sprüche[n] ausz dem alten Testament/ auff welche man dise Leichpredigten applicieren mag".[5] Spangenberg legte mit seiner Predigtsammlung also eine normativ wirkende Grundlage für die formale Anlage und inhaltliche Ausrichtung einer Leichenpredigt, die der Prediger dann nach eigenen Vorstellungen und situationsbezogenen Bedürfnissen weiter ausgestalten konnte. Möglicherweise erweiterte er sie durch biographische Bezugnahmen auf den jeweiligen Verstorbenen. Die Sammlung selbst jedoch enthält keine Personalisierungen, auch keinen Hinweis auf die Praxis des persönlichen Zuschnitts einer Predigt durch Integration biographischer Teile. Man kann daher nur Mutmaßungen darüber anstellen, wie weit und in welcher Form dies im 16. Jahrhundert gehandhabt wurde oder bereits gängige Praxis war.

Der Postillencharakter der "Fünfzehn Predigten" erhielt bei Spangenberg eine pädagogische Ergänzung, die sich aus seiner pessimistischen Gegenwartsanalyse speist. Er konstatierte nämlich - damals ein durchaus gängiger Topos - einen fortschreitenden moralischen Niedergang von Welt und Gesellschaft, was ein strafendes Eingreifen Gottes nach sich ziehen werde: [...] kein zweifel ist/ Gott werde ein ernstliche strafe senden/ es sey auch krieg/ thewrung/ pestilentz oder sterben.[6] Tatsächlich zeichnete sich im Frühjahr 1545 auf dem Reichstag zu Worms ab, dass Kaiser Karl V. ein militärisches Vorgehen gegen die evangelischen Stände plante, obwohl man noch über die Veranstaltung eines Religionsgesprächs nachdachte, das dann schließlich auch 1546 in Regensburg stattfand. Der Schmalkaldische Krieg brach - was man zum Erscheinungszeitpunkt der "Fünfzehn Predigten" noch nicht absehen konnte - erst im Anschluss daran aus. Aber auch unabhängig von den damals aktuellen politischen Entwicklungen konnte die Mahnung, die Spangenberg in seiner Leichenpredigt-Postille artikulierte, zeitlose Gültigkeit beanspruchen. Es ging ihm darum, deutlich zu machen, dass angesichts der Unberechenbarkeit des plötzlich hereinbrechenden Todes ein Leben zu führen sei, das die christliche Auferstehungshoffnung ernst nimmt und sich deshalb von allem verantwortungslosen und genusssüchtigen, den Glauben an ein Jenseits in den Wind schlagenden Treiben distanziert.[7] Glauben und Leben sollten im Blick auf den stets drohenden Tod miteinander in Einklang gebracht werden. Dies gab der Leichenpredigt-Postille den Charakter einer ars vivendi.

Die so ausgerichtete Verkündigung in den Leichenpredigten und die damit verbundenen Komponenten Trost und Erbauung rücken vor allem in den neutestamentlich grundierten Predigten in den Vordergrund. Die von Cyriakus Spangenberg (1528-1604) herausgebrachte Fortsetzung der alttestamentlich ausgerichteten Postille Johann Spangenbergs macht dies deutlich. Der Tod seines Vaters (13. Juni 1550), die bald darauf ausgebrochene Pest und die Notwendigkeit der zahlreichen täglichen Begräbnisse hätten ihn, so führt er aus, dazu veranlasst, den lang angekündigten Band nun endlich vorzulegen. Derhalben ich denn nicht allein meins lieben Vatters seligen Leichpredigt für mich genommen und widerholet/ sondern hab auch die Evangelisten von vorne angefangen/ unnd wo ich etwa einen Spruch oder Historia befunden/ so zu trost den betrübten/ in sterbens leufften/ oder zur erinnerung der frölichen Aufferstehung/ und des künfftigen lebens/ dienstlich/ habe ich dieselben auffs einfeltigst/ auß des Herren Doctoris Lutheri/ Johann Brentzen/ oder anderer gelerter leut schrifften verkleret/ und dem völcklein auffs deutlichst und verstendtlichst/ nach meinem kleinen vermögen vorgetragen/ und dieselben Predigten darnach also (wie du Christlicher Leser sihest) inn ein Buch zusammen gefasset [...].[8] Die Leichenpredigt-Postille wird damit zu einem Trost- und Erbauungsbuch, dessen Lektüre auch unabhängig von der Begräbnissituation stattfinden konnte und von hoher frömmigkeitsgeschichtlicher Wirkung war.[9]

 

Professor Dr. IRENE DINGEL ist Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte (IEG). Die Kirchenhistorikerin ist u.a. Mitglied des Wissenschaftsrates der Bundesrepublik Deutschland und leitet als ordentliches Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur die Forschungsvorhaben "Controversia et Confessio" und "Leichenpredigten der Frühen Neuzeit".

 

Bestand: Universitätsbibliothek Leipzig
Signatur: Prakt.Theol.752-o
Enthalten in: Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts (VD16 S 7805)

 

Anmerkungen:

[1] Johann Spangenberg, Funffzehen Leichprediget/ So man bey dem Begrebnis der verstorbnen/ inn Christlicher Gemein thun mag. Darneben mehr denn LX. Themata odder Sprüche/ aus dem alten Testament/ Auff welche man diese Leichprediget appliciren möcht [...], Wittenberg 1545, Drucker: Georg Rhau (VD16 S 7805), Digitalisat der Universitätsbibliothek Leipzig (Prakt.Theol.752-o), PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bsz:15-0005-20092 (Zugriff: 21.06.2017). Die Vorrede ist datiert auf den 29. September 1545. Eine Beschreibung des Bandes befindet sich bei Eberhard Winkler, Die Leichenpredigt im deutschen Luthertum bis Spener (Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus. Reihe 10, 34), München 1967, S. 50-52.

[2] Zu seiner Biographie vgl. Gustav Kawerau, Artikel "Spangenberg, Johann u. Cyriakus", in: Albert Hauck (Hg.), Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. 18: Stephan III.-Tonsur, 3., verb. und verm. Aufl., Leipzig 1906, S. 563-572.

[3] Nach VD16 handelt es sich um folgende: 1548 (VD16 S 7806), 1550 (VD16 S 7807), 1553 (VD16 S 7808), 1558 lateinisch (VD16 S 7815), 1559 (VD16 S 7809), 1560 (VD16 S 7810), 1563 (VD16 S 7811), 1564 lateinisch (VD16 S 7816), 1568 (VD16 S 7812).

[4] Johann Spangenberg/Cyriakus Spangenberg, Acht und zwentzig Leichpredigten zum Begrebnis der verstorbenen/ unnd sunst in allerley anligen aus dermassen nützlich zugebrauchen/ aus den heiligen Evangelisten. MATTHAEO, MARCO [...], Magdeburg 1553, Drucker: Michael Lotter (VD16 S 7749), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München (im Folgenden BSB München) (933995 Hom. 1513), PURL (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11007982-5 (Zugriff: 21.06.2017); weitere Ausgaben: 1554 (VD16 S 7750), 1555 (VD16 S 7751), 1557 (VD16 S 7752), 1559 (VD16 S 7753), 1567 (VD16 S 7754). - Cyriakus Spangenberg, Fünff und Fünfftzig Leichpredigten/ aus dem Evangelisten IOANNE. Voller schöner Lere: und hertzliches Christliches Trosts/ So nicht allein bey den Begrebnissen/ deren in Christo seelig Verstorbenen/ dienlich: Sondern auch bey betrübten und krancken Leuten zu lesen/ nützlich [...], Oberursel 1586/87, Drucker: Nikolaus Heinrich d.Ä. (VD16 S 7569). - Außerdem brachte Cyriakus Spangenberg 34 Leichenpredigten zu Bibelstellen aus dem Lukasevangelium heraus. Er kündigte sie bereits im Vorwort seiner "Acht und zwentzig Leichpredigten" (s.o., Bl. A3v) an. Sie erschienen unter dem Titel: Vier und dreissig Leichpredigten/ Aus dem heiligen Evangelisten LVCA. Durch [...] M. Johannem Spangenberg der löblichen Herrschafft Mansfeld Superattendenten. Und M. Cyriacum Spangenberg/ Prediger im Thal Mansfeld, Wittenberg 1554/55, Drucker: Georg Rhau Erben (VD16 S 8058), Digitalisat der BSB München (Asc. 51#Beibd.1), PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00071340-0 (Zugriff: 21.06.2017); weitere Ausgaben: 1556 (VD16 S 8059), 1557 (VD16 ZV 25302 ), 1559 (VD16 S 8060), 1563 (VD16 ZV 14606), 1567 (VD16 S 8061), 1568 (VD16 S 8062). Eine Sammelveröffentlichung der Fünfzehn, der Achtundzwanzig und der Vierunddreißig Leichenpredigten aus dem Evangelisten Lukas erschien in Nürnberg 1582. Vgl. Anm. 5.

[5] Johann Spangenberg, Leÿchpredigten Welche man bey dem Begrebnuß der verstorbenen/ in Christlicher Gemein thun mag/ und sonst in allerley anligen nützlich zu gebrauchen. XV. Auß dem alten Testament/ Daneben mehr denn LX. Themata oder Sprüch/ auß dem alten Testament/ auff welche man diese Leichpredigten applicieren möcht. XXVIII. Auß dem Evangelisten Mattheo und Marco. XXXIIII. Auß dem Evangelisten Luca [...], Nürnberg 1582, fol. 28-31 (VD16 S 7813), Digitalisat der BSB München (934002 4 Hom. 1363#Beibd.1), PURL (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10161511-5 (Zugriff: 21.06.2017). - Es wäre eine lohnende Aufgabe zu prüfen, wie weit spätere Leichenpredigten in ihrem exegetisch-biblischen Teil auf diese weit verbreitete Postille zurückgreifen. Dies scheint mir jedenfalls sehr wahrscheinlich.

[6] Ebd., fol. 2r.

[7] Vgl. dazu die Vorrede: Damit nun/ wo nit alle/ doch etliche Menschen/ dem Teufel aus dem Rachen köndten gerissen werden/ und von irem Gottlosen wesen abgeschreckt/ ir Epicurisch und Sewisch leben möchten ablegen/ unnd ein mal fromb werden/ habe ich mir so vil weil genommen/ unnd Christlicher meinung etliche Leichpredigten aus den Sprüchen des alten Testaments/ inn ein Büchlin aufs kürtzt zusamen verfasset/ und euch/ als meinen günstigen lieben Herrn und freunden/ dediciert und zugeschrieben [...]. Ebd., fol. 3r.

[8] Ebd., fol. 33v.

[9] Vgl. Irene Dingel, "Recht glauben, christlich leben und seliglich streben". Leichenpredigt als evangelische Verkündigung im 16. Jahrhundert, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 4, Stuttgart 2004, S. 9-36.

 

Zitierweise: Irene Dingel, Johann Spangenberg (1484-1550). „Funffzehen Leichprediget“ – Die erste Leichenpredigten-Postille, in: Leben in Leichenpredigten 08/2017, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-spangenberg-1484-1550.html>

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