Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Ignaz Anton Freiherr von Otten (1664-1737)

01.05.2015

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Astrid von Schlachta

Der Tod auf dem Reichstag – Gesandte in Leichenpredigten

Sitzung des Immerwährenden Reichstags [1/4]

Der Tod kann nicht nur das private Leben gehörig durcheinanderwirbeln, sondern auch das politische. Entsprechend schilderte jedenfalls der Regensburger Benediktiner Joseph Flossmann die Auswirkungen des Ablebens von Ignaz Anton von Otten, Reichsdirektor und Gesandter des Mainzer Erzbischofs beim Immerwährenden Reichstag zu Regensburg, auf die politischen Verhandlungen. Jäh und plötzlich habe der Tod das politische Geschäft des Reichstags unterbrochen, so Flossmann 1737 in der Leichenpredigt auf den Reichsdirektor. Der Tod habe die Regie des Reichstagsgeschäfts übernommen und als frembder doch schlechter Staats-Mann die Bühne betreten.[1] Unberechenbar und nicht planbar habe er die Agenda des Reichstags vorgegeben - und damit eine Aufgabe übernommen, die sonst eigentlich dem Reichsdirektor oblag.

Leichenpredigten auf Reichstagsgesandte sind bisher kaum in den Fokus der historischen Forschung geraten. Dabei sind sie vorzügliche Quellen, um Einblicke in das politische und persönliche Leben hochstehender Beamter des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, in deren Karrierewege, personelle Netzwerke und in das diplomatisch-politische Alltagsgeschäft zu gewinnen. Sie sind darüber hinaus Zeugnis für jene Normen, die man guter Politik zugrunde legte, und sie überliefern die vorgegebenen und postum vermittelten Bilder, die die Memoria der Gesandten bestimmen sollten. Sie sind Teil einer zeitgenössischen politischen Kommunikation, die in einer normativen Art und Weise Politik über die Betrachtung der verstorbenen Person in die Öffentlichkeit brachte.

Der erwähnte und während des Reichstags verstorbene Ignaz Anton von Otten war Reichsdirektor beim Immerwährenden Reichstag, der seit 1663 seinen dauerhaften Sitz in Regensburg hatte. Der strukturelle Wandel des bis 1663 immer an unterschiedlichen Orten tagenden Reichstags brachte entscheidende Veränderungen in der personellen Zusammensetzung dieser zentralen Institution des Alten Reichs mit sich. Kaiser und Fürsten erschienen kaum noch selbst beim Reichstag, sondern schickten ihre Gesandten. Und auch auswärtige Mächte waren mit ihren Gesandten in Regensburg vertreten, wenn sie, wie etwa Schweden oder Dänemark, reichsständisch waren, weil sie über Besitz im Alten Reich verfügten, oder einfach auf der politischen Bühne präsent sein wollten, wie beispielsweise im Fall von Frankreich oder Russland.[2]

1733 schrieb Julius Bernhard von Rohr in seiner "Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschaft der großen Herrn": Große Herren haben zwar bey ihren Leben vor ihren Unterthanen und andern privat-Personen vieles zum Voraus, bey ihren Tode aber gehet es ihnen wie andern Leuten. Sie tragen ihre zerbrechlichen Hütten allenthalben mit sich herum, und müssen eben so wohl die Schuld der Natur bezahlen, als die elendsten unter ihren Sclaven. Dennoch ließen sich die zerbrechlichen Hütten der Gesandten manchmal doch etwas ausdrucksstärker und prunkvoller in Szene setzten. In Regensburg zeugt ein eigener Friedhof von der Memoria der Reichstagsgesandten - der Gesandtenfriedhof an der evangelischen Dreieinigkeitskirche. Noch sehr spät, in den Jahren 1627 bis 1631, wurde dieser Friedhof mitten in der Stadt errichtet.[3] Hier sollten vor allem protestantische Reichstagsabgeordnete sowie deren Frauen und Kinder ihre letzte Ruhestätte finden. Ebenso liegen auf dem Friedhof österreichische Exulanten, die nach der Rekatholisierung der protestantischen Gebiete Österreichs im 17. Jahrhundert in die süddeutschen Reichsstädte, unter anderem nach Regensburg, flüchteten. Katholische Reichstagsgesandte wurden dagegen auf dem Friedhof des Benediktinerklosters St. Emmeram beerdigt.

Von ihrer Typologie und ihrem inhaltlichen Aufbau her unterscheiden sich die Leichenpredigten auf Reichstagsgesandte nicht grundsätzlich von anderen Leichenpredigten.[4] Dem Predigttext an sich, der geistliche Gedanken mit normativen Zuschreibungen zum Toten und allgemeinen Bemerkungen zu zeitgenössischen Entwicklungen verbindet, folgen das "Ehrengedächtnis" oder die "Personalia" mit den persönlichen Angaben zum Verstorbenen, zu seinem Lebenslauf und seinen familiären Beziehungen. Manchmal schließen sich die "Abdankung", eine Rede, die häufig noch im Trauerhaus gehalten wurde, sowie die "Epicedien" an, das heißt Trauergedichte von Freunden oder Personen, mit denen der Tote in näherer Verbindung stand. Nicht immer enthält das Titelblatt ein Porträt des Verstorbenen. Auch von Reichstagsgesandten ist bekannt, dass sie versuchten, noch selbst zu bestimmen, was nach ihrem Tod über sie gesagt wurde. Sehr neutral heißt es beispielsweise in einem Vermerk in der Leichenpredigt auf den Brandenburg-Ansbachischen Rat Johann Caspar Lentz aus dem Jahr 1667, dass dieser den Lebenslauf wenig Wochen vor seinem Tod mit eigner Hand selbst aufgesetzt und beschrieben hat.[5] Lentz schildert darin seinen Werdegang sowie seine Reisen und Bekanntschaften. Sein letztes Amt auf einer langen Liste von Tätigkeiten und seine letzte Reise war die Anwesenheit bei disem annoch wehrenden Reichstag nunmehr 5. gantzer Jahr/ als Deputirter zum Reichsstädtischen Directorio.[6]

Vielleicht ist es für Gesandte, wie generell für Staatsmänner oder Politiker, noch einmal von besonderer Wichtigkeit, die eigene Memoria zu bestimmen. Umstrittene politische Entscheidungen und falsche öffentliche Wahrnehmungen konnten auf diese Art und Weise ins postum rechte Licht gerückt werden. So dürfte es kein Zufall sein, dass der Benediktiner Flossmann Ignaz Anton von Otten in der Leichenpredigt in besonderer Weise mit dem Frieden in Verbindung bringt; in ihm verbindet sich die Person des Reichsdirektors mit dem Alten Reich. Ganz wie es die Aufgabe des Alten Reichs sei, Frieden zu stiften und zu bewahren, habe auch Otten dieses Ziel verfolgt. Eine Charakterisierung, die offenkundig Programm war, denn Otten stand mit seiner Möglichkeit als Reichsdirektor, durch eine verzögerte Weiterleitung der Akten und Anliegen der Gesandten Politik zu steuern, immer wieder in der Kritik. Doch Flossmann dient der Frieden noch für weitere Analogien. Er betont nämlich, Otten sei nicht im Krieg, sondern im Frieden vom Tod ereilt worden. Der Tod habe sich im Frieden in die verschlossenen Staats-Cabinet und Hohen Ansehenlichsten Reichs-Dicasterien eingeschlichen: Was für eine Gemeinschafft hat die unbarmhertzige Todten-Sensen mit den Fried-bringenden Lorber-Zweigen? Wie gehen zusammen die wichtige Reichs-Geschäfft, und die traurige Leich-Begängnussen?[7] Es scheint, als ob hier ein wenig heldenhafter Tod, nämlich jener im Frieden, sprachlich erhöht wird. Denn Flossmann verweist als Parallele auf den österreichischen Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen, der im vorangegangenen Jahr, 1736, gestorben war. Auch in seinem Fall habe der Tod im Frieden nachgeholt, was er im Krieg unterlassen habe, nämlich ein unerschrockenes Helden-Gemüth zum ewigen Leben zu erwecken.[8]

Doch die Leichenpredigten dienten nicht nur dazu, vergangenes Leben ins rechte Licht zu rücken, sondern sie führten der versammelten Nachwelt auch die Normen guter Politik vor Augen. Es sind unter anderem biblische Vorbilder, die Paten standen, wie im Fall des Bevollmächtigten Rats der Stadt Lübeck, Johann Christoph Thill, der 1728 in Regensburg verstarb. Der Prediger Wolfgang Christoph Brunner verweist in Thills Leichenpredigt auf Joseph von Arimathia, der als Politiker nie seine Tugendhaftigkeit vergessen hätte. Als Mitglied des Regenten Standes und des großen Rats der Stadt Jerusalem sei er mit der edlen Tugend wahrer Frömmigkeit und Gottseligkeit begnadet gewesen und voller Klugheit und Gerechtigkeit zum Fürsprecher für Jesus Christus geworden.[9] Der Prediger Erasmus Gruber wiederum, der 1664 die Leichenpredigt auf den Deputierten des Reichsstädtischen Direktoriums beim Reichstag und Stadtkämmerer in Regensburg, Johann Jakob Hamman, hielt, wirkte mit seiner Botschaft fast apokalyptisch warnend. Der Tod Hamanns wie jener eines zweiten Mitglieds des Stadtregiments, der offenbar kurz vorher passiert war, sind Gruber Anlass, unter Verweis auf Jes 3,1-3, die Stadtbevölkerung zu warnen, Gott nicht weiter zu erzürnen, damit dieser nicht verursach werde/ ein gäntzliche ruin und Zerrüttung über uns kommen zulassen/ und eins mit dem andern zuverderben.[10]

Wie die Tätigkeit des Verstorbenen die Dramaturgie einer Leichenpredigt vorgeben konnte, zeigt sich im Fall des bereits mehrfach erwähnten Ignaz Anton von Otten. Eine der Aufgaben des Reichsdirektors war es, den Kanzlisten der Gesandtschaften die Beratungsgegenstände zu diktieren und so baut Flossmann den Anfang seiner Predigt analog zur Tätigkeit des Verstorbenen auf: Ad Dictaturam! ad Dictaturam! schnellfertig/ geschwind/ eilends saget an bey denen Hohen Ansehentlichen Gesandtschafften, umb die Behörige zur Dictatur abzuordnen. Und anzukündigen gab es eben den Tod Ottens.[11] Doch war es nun nicht mehr Otten, der den weiteren Verlauf der Verhandlungen diktierte, sondern der Tod hatte unwiderrufliche Fakten geschaffen: Ja! Ja! schreibet nur, sagt er, aller Orthen hin, was ich hab andictiret, und mit grosser Fractus verfasset; es bleibet darbey: Quod scripsi, scripsi, was ich geschrieben, ist geschrieben, kan nicht mehr geänderet werden: Mortus est, Gen. 5. Er ist gestorben! Also: Datum, & dictatum Regensburg.[12]

Die Leichenpredigten auf Reichstagsgesandte geben also Einblicke in ein breites Spektrum politischer Themen des Alten Reichs. Dass ein Tod in Regensburg auch seine diplomatischen Verwicklungen nach sich ziehen konnte, verdeutlicht das Beispiel des preußischen Gesandten Ernst von Metternich, der 1727 verstarb - pikanterweise nur wenige Tage nach seiner Konversion zum Katholizismus. Die Konversion und ihre zeitliche Nähe zum Ableben des Gesandten brachten nicht nur ein polemisches Feuerwerk von allen konfessionellen Seiten hervor, sondern führten auch zu Debatten, wer das Recht auf den Leichnam des Konvertiten hatte - der preußische König Friedrich Wilhelm I. als entsendender Landesfürst oder die neuen Glaubensgenossen, Jesuiten und katholische Geistliche? Wer durfte die Leiche aus dem Sterbehaus holen? Im Fall Ernst von Metternichs taten dies offenkundig katholische Geistliche, wie auch die Beerdigung im Kloster St. Emmeram zur Demonstration katholischer Rechtgläubigkeit wurde.

 

Dr. ASTRID VON SCHLACHTA ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte (Frühe Neuzeit) des Instituts für Geschichte der Universität Regensburg.

 

Bestand: Staatliche Bibliothek Regensburg
Signatur: 999/2Hom.97

 

Anmerkungen:

[1] Joseph Flossmann, Minister Perfectus. Vollkommner Minister [...], Regensburg 1737, S. 2 (VD18 1231272X-003; Staatliche Bibliothek Regensburg, 999/2Hom.97), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München (im Folgenden BSB München), Permalink (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11056731-5 (Zugriff: 23.04.2015).

[2] Vgl. zum Gesandtenwesen beim Immerwährenden Reichstag generell Nikolaus Leiher, Die rechtliche Stellung der auswärtigen Gesandten beim Immerwährenden Reichstag zu Regensburg. Eine rechtshistorische Untersuchung unter Auswertung der Schriften zum Ius Publicum des Alten Reiches, Aachen 2003, besonders S. 85-88.

[3] Vgl. Bettina Ulrike Schwick, Dieser Stein / Soll der Nachwelt Zeuge seyn. Untersuchungen zu barockzeitlichen Epitaphien der Reichsstadt Regensburg (Regensburger Studien und Quellen zur Kulturgeschichte 20), Regensburg 2012.

[4] Vgl. hierzu vor allem Rudolf Lenz, Gedruckte Leichenpredigten (1550-1750). I Historischer Abriß II Quellenwert, Forschungsstand III Grenzen der Quelle, in: Ders. (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 1, Köln 1975, S. 36-51; Rudolf Lenz, De mortuis nil nisi bene? Leichenpredigten als multidisziplinäre Quelle unter besonderer Berücksichtigung der Historischen Familienforschung, der Bildungsgeschichte und der Literaturgeschichte (Marburger Personalschriften-Forschungen 10), Sigmaringen 1990, besonders S. 9-21.

[5] Matthaeus Schmoll, Christliche LeichSermon. Uber die Wort des Königlichen Propheten Davids in seinem 27. Psalm [...] Bey Ansehnlicher und Volckreicher Leichbestattung/ Als Der weiland WolEdel/ Gestreng und Hochweise Herr Johann Caspar Lentz [...] in sein Ruehbettlein gebracht [...], Regensburg 1668, S. 33 (eigene Pag.) (Staatliche Bibliothek Regensburg, 999/Rat.civ.580), Digitalisat der BSB München, Permalink (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11114844-7 (Zugriff: 23.04.2015).

[6] Ebd., S. 53 (eigene Pag.).

[7] Flossmann, Minister Perfectus (wie Anm. 1), S. 2.

[8] Ebd.

[9] Wolfgang Christoph Brunner, Ein Muster Eines Gott-beliebten Raths-Herrn Wurde Bey vornehmer und Volckreicher Leich-Bestattung Des Weyland Hoch-Edlen/ Gestrengen/ Fürsichtig und Hochweisen Herrn/ Herrn Johann Christoph Thillns, [...] vorgestellet [...], Regensburg 1728, S. 4, 7f. (Staatliche Bibliothek Regensburg, 999/2Rat.civ.598(30), Digitalisat der BSB München, Permalink (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11058771-6 (Zugriff: 23.04.2015).

[10] Erasmus Gruber, Vera Christanorum Fortitudo. Von recht Christlicher dapferkeit/ Ein Christliche Leichpredigt/ Auffgesetzt und abgelesen/ Bey ansehenlicher Volckreicher Leichbestattung Des weiland WohlEdlen/ Fürsichtigen und Hochweisen Herrn Iohannis Iacobi Hamman [...], Regensburg 1664, S. 3f. (eigene Pag.) (VD17 1:022421Q; Staatliche Bibliothek Regensburg, 999/Rat.civ.580 angeb.7), Digitalisat der BSB München, Permalink (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11302219-7 (Zugriff: 23.04.2015). In Jesaja 3,1-3 heißt es: "Siehe, der Herr, der HERR Zebaoth, wird von Jerusalem und Juda wegnehmen Stütze und Stab: allen Vorrat an Brot und allen Vorrat an Wasser, Helden und Kriegsleute, Richter und Propheten, Wahrsager und Älteste, Hauptleute und Vornehme, Ratsherren und Weise, Zauberer und Beschwörer."

[11] Flossmann, Minister Perfectus (wie Anm. 1), S. 1.

[12] Ebd., S. 3.

 

Zitierweise: Astrid von Schlachta, Ignaz Anton Freiherr von Otten (1664-1737). Der Tod auf dem Reichstag – Gesandte in Leichenpredigten, in: Leben in Leichenpredigten 05/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/ignaz-anton-freiherr-von-otten-1664-1737.html>

 

 

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