Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Georg Wilhelm Herzog von Liegnitz, Brieg und Wohlau (1660-1675)

01.09.2016

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Cornelia Niekus Moore

Der Letzte der Piasten – Die Grabrede Daniel Caspers von Lohenstein als Fürstenspiegel

Georg Wilhelm Herzog von Liegnitz, Brieg und Wohlau [1/2]

Man fasste wieder Hoffnung. Die alte Dynastie der schlesischen Piasten, die schon seit 1311 in Liegnitz (poln. Legnica) regierte, war nahe daran gewesen auszusterben.[1] Zwei von den drei Brüdern (Georg III. und Ludwig IV.), von denen jeder über einen Teil der herzoglichen Gebiete regiert hatte, waren bereits ohne männliche Nachfahren gestorben. Der jüngste Bruder, Christian (1618-1672), regierte seit 1664 über das ganze Herzogtum. Nach zwei Töchtern war ihm und seiner Gattin, Prinzessin Luise von Anhalt-Dessau (1631-1680), als drittes Kind 1660 ein Sohn geboren worden, Georg Wilhelm. Auf ihm ruhte jetzt die Hoffnung der Dynastie. Als der Vater Christian 1672 starb, war schon testamentarisch eine Reihe von Vormündern, darunter seine Witwe, wie auch eine Ehrenvormundschaft des Brandenburger Kurfürsten Friedrich Wilhelm für den jungen Nachfolger bestimmt. Kaiser Leopold I. war mit den überwiegend reformierten Vormündern nicht einverstanden, die Landesvorstände waren hingegen mit der Regentschaft der Mutter unzufrieden und verlangten einen frühen Regierungsantritt des jungen Herzogs. Da eine Volljährigkeitserklärung und eine Lehnsübertragung nur persönlich durch den Kaiser in Wien erfolgen konnten, reiste Georg Wilhelm mit seinem Gefolge am 14. Februar 1675 in die habsburgische Residenzstadt.

Diplomatisch war die Reise ein Erfolg. Der junge Herzog machte einen guten Eindruck auf den Kaiser, stattete die richtigen Besuche ab, unterhielt Kontakte zu einflussreichen Männern am Hof und in der katholischen Kirche, traf sich auch mit Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683), der sich zu dieser Zeit in Wien befand, und kam nach der Huldigung (am 14. März) wieder gut nach Brieg (poln. Brzeg) zurück. Dann folgte ein aktiver Sommer, in dem der junge Fürst sich in seinem neuen Amt bewährte. Auch eine Attacke der Kinderpocken schien er zu überstehen. Aber dann erlag der vom bisherigen Krankheitsverlauf schon geschwächte Fürst einer Erkältung. Er wurde in der Liegnitzer Johanniskirche beigesetzt. Gegenüber brandenburgischen Erbansprüchen, die aus einem Vertrag von 1537 resultierten (sog. Liegnitzer Erbverbrüderung), setzte sich Kaiser Leopold I. als Erbe durch und zog als König von Böhmen das Herzogtum Liegnitz als erledigtes Lehen unter seine eigene Herrschaft ein.

Der schon als Diplomat und Dichter berühmte Breslauer Syndikus Daniel Caspar von Lohenstein hielt die auch im Druck erschienene Grabrede.[2] Er stammte aus Brieg und war schon länger mit dem Fürstenhaus bekannt. 1665 hatte er der Mutter des Verstorbenen sein Trauerspiel "Agrippina" gewidmet und für dessen Großmutter, Agnes Fürstin von Anhalt-Dessau, geb. Landgräfin von Hessen-Kassel (1606-1650), als Regierungsrat gearbeitet. Später beriet er Herzogin Luise beim Entwurf der Fürstengruft in der Liegnitzer Johanniskirche.[3] Seine Grabrede ist eine Oratio in bester Tradition. Eine von Philipp Melanchthon auf Latein verfasste Trauerrede anlässlich der Beerdigung Martin Luthers 1546 hatte die spätestens zu Beginn des 17. Jahrhunderts zur Konvention gewordene Form einer protestantischen Leichenpredigt begründet, dem theologischen Teil mit der Auslegung des Leichtextes einen Bericht über den Lebenslauf des oder der Verstorbenen anzuschließen. Hier nun signalisierte eine auf Deutsch geschriebene Oratio das Ende einer Dynastie.

Wahrscheinlich wurde die Rede in dieser Form nicht in der Öffentlichkeit gehalten. Angesichts ihrer blumigen Rhetorik und der traditionellen Lebensphasen entsprechenden Struktur, die mit einem seligen Tod endeten, kann sie jedoch immer noch als Oratio funebris in der Funeralien-Tradition bezeichnet werden. Mit vielen historischen Vorbildern entwirft Lohenstein das Idealbild eines Herrschers und vergleicht es mit der kurzen, jedoch vielversprechenden Laufbahn des jungen Herzogs. Anekdoten betonen, dass Georg Wilhelm mit vielen Helden der Geschichte entweder familiär oder im Geiste verwandt war. Beschrieben wird, wie er schon in jungen Jahren die Tugenden und Handlungsweisen eines wahren Herrschers zeigte und so andere Fürsten, einschließlich des Kaisers, und seine eigenen Untertanen für sich einnehmen konnte. Der Verfasser rekapituliert die klassische Historiographie seiner Zeit in toto als Fürstenspiegel und deutet daran das Verhalten eines jungen Fürsten. Es ist ein rhetorisches Meisterwerk, in dem das zu früh beendete Leben Georg Wilhelms in ein exemplarisches Geschichtsbild eingebettet wird.

Der Redner befand sich dabei auf vertrautem Terrain. Schon als elfjähriger Schüler des Maria-Magdalenen-Gymnasiums in Breslau (poln. Wrocław) hatte Daniel Caspar (sein Vater Johann Caspar wurde 1670 in den erblichen Reichsadelsstand erhoben; seitdem trägt die Familie den Zusatz "von Lohenstein")[4] mit antiken Beispielen über die für einen Edelmann erforderlichen Qualifikationen disputiert.[5] 1672 hatte er Balthasar Graciáns "El político Don Fernando el Católico" ins Deutsche übertragen und in seiner an den damals zwölfjährigen Georg Wilhelm gerichteten 32-seitigen Widmung das exemplarische Potential von Biographien historischer Persönlichkeiten betont.[6] Im Titel der Vorlage weist Lohenstein auf die "politischen" Qualitäten des spanischen Vorbilds hin und übersetzt diese mit "Staatsklugheit". Wenn auch gemäßigter als Machiavellis "Il Principe" (1513), zeigt das spanische Original deutliche inhaltliche Parallelen dazu. Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation waren machiavellistisch beeinflusste Theorien zur Staatskunde im 17. Jahrhundert weiterhin wenig geschätzt. Dementsprechend betont Lohenstein sowohl in seinem Vorwort als auch in seiner vier Jahre später gehaltenen Trauerrede weniger die Klugheit, sondern vielmehr die Tugenden, die den spanischen Herrscher und andere zu vorbildlich handelnden historischen Führungsgestalten werden ließen.[7] Auch weist er schon im Vorwort seiner Gracián-Übersetzung darauf hin, dass es historischen Helden öfter an Nachfahren fehle und auch langwährende Dynastien (wie die Piasten) aussterben könnten - mit dem vier Jahre nachher folgenden Tod des jungen Herzogs geschah dies tatsächlich. So wird Lohensteins Oratio zu einer feierlichen, emotionsreichen Fortsetzung der Widmung und kann aufgrund der enthaltenen Anleitungen zum angemessenen Verhalten ebenfalls als Fürstenspiegel gelesen werden. Wenige Jahre nach dem Tod des Herzogs ehrte Lohenstein dann seinen Freund Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616-1679) mit einer sprachlich und inhaltlich ebenso exemplarischen Grabrede.[8]

Die historische Ironie ist mit Blick auf die Intention der Grabrede und angesichts des weiteren Verlaufs der Geschehnisse nach dem Tod des letzten Piastenfürsten unübersehbar. Das kompilatorische Idealbild aus dem Verlauf der Geschichte, auf die biographischen Details aus dem Leben des jungen Herzogs abgestimmt, wurde als Fürstenspiegel bei dessen Beerdigung vorgetragen. Aber wer sollte sich diesen wohl zum Vorbild nehmen? Kaiser Leopold I. begann schon bald nach der Beisetzung mit der konsequenten Realisierung seiner Pläne, das Herzogtum als eigenes Lehen an sich zu ziehen und die Gegenreformation in diesem von einer überwiegend lutherischen Bevölkerung bewohnten Herrschaftsgebiet einzuführen.

 

Prof. Dr. CORNELIA NIEKUS MOORE ist emeritierte Professorin für deutsche und niederländische Sprache an der University of Hawaii, Mānoa (USA). Regelmäßige Forschungsaufenthalte führen sie u.a. an die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

 

Bestand: Muzeum Piastow Brzeg (Piastenmuseum Brieg)
Signatur: 3697
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in niederschlesischen Bibliotheken und Archiven (Marburger Personalschriften-Forschungen 32), Stuttgart 2002

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. Norbert Conrads, Schlesien in der Frühmoderne. Zur politischen und geistigen Kultur eines habsburgischen Landes (Neue Forschungen zur schlesischen Geschichte 16), Köln/Weimar/Wien 2009, S. 77-101.

[2] Hier verwendet ein Exemplar aus dem Bestand der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Lpr. Stolb. 20089-92 (1): Daniel Casper von Lohenstein, Lob-Schrifft/ Deß Weyland Durchlauchtigen Fürsten und Herrn/ Herrn George Wilhelms/ Hertzogens in Schlesien/ zu Liegnitz/ Brieg und Wohlau/ Christ-mildesten Andenckens, Brieg 1676 (VD17 1:027727Y), Digitalisat, URN (Werk): http://diglib.hab.de/drucke/lpr-stolb-20089-92-1s/start.htm (Zugriff: 14.06.2016).

[3] Vgl. hierzu Gerhard Spellerberg, Lohensteins Beitrag zum Piasten-Mausoleum in der Liegnitzer Johannes-Kirche, in: Daphnis 7 (1978), S. 647-687.

[4] Zu seiner Biographie siehe Peter Ukena, "Lohenstein, Daniel von", in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 124 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118574078.html (Zugriff: 14.06.2016).

[5] [Johann Casper von Lohenstein], Kurtz Entworffener Lebens-Lauff/ Des sel. Autoris., in: Daniel Casper von Lohenstein, Ibrahim Sultan Schauspiel/ Agrippina Trauerspiel/ Epicharis Trauerspiel/ Und andere Poetische Gedichte/ so noch mit Bewilligung des S. Autoris Nebenst desselben Lebens-Lauff und Epicediis, zum Druck verfertiget, Breslau 1701, unpag., S. (611-629) (VD18 11323337), Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) (im Folgenden ULB Sachsen-Anhalt), URL (Lebenslauf): http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd18/content/pageview/5762036 (Zugriff: 14.06.2016).

[6] Balthasar Gracián y Morales, El político Don Fernando el Católico (1640). Lorentz Gratians Staats-Kluger Catholischer Ferdinand, übersetzt und mit einer Widmung versehen von Daniel Casper von Lohenstein, [Breslau] 1672, Digitalisat der ULB Sachsen-Anhalt unter URL (Werk): http://vd17.bibliothek.uni-halle.de/pict/2006/3:665409B/ (Zugriff: 14.06.2016). - Die Übersetzung erschien unter der Herausgeberschaft von Ralf Bogner im Jahr 2012 als Reprint im Verlag Fines Mundi, Saarbrücken.

[7] Siehe zur Thematik Hans-Otto Mühleisen/Theo Stammen (Hg.), Politische Tugendlehre und Regierungskunst. Studien zum Fürstenspiegel der frühen Neuzeit (Studia Augustana 2), Tübingen 1990.

[8] Daniel Caspar von Lohenstein, D. C. von Lohenstein Lob-Rede Bey des Weiland HochEdelgebohrnen/ Gestrengen und Hochbenambten Herrn Christians von Hofmannswaldau auf Arnolds-Mühle/ [...] in Breßlau Hoch-Adelich gehaltenem Leichbegängnüße, in: Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, C. H. v. H. Deutsche Übersetzungen und Gedichte [...], Breslau 1679 (VD17 23:235789B), unpag., Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PURL (Lobrede): http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000D78700000000 (Zugriff: 14.06.2016).

 

Zitierweise: Cornelia Niekus Moore, Georg Wilhelm Herzog von Liegnitz, Brieg und Wohlau (1660-1675). Der Letzte der Piasten – Die Grabrede Daniel Caspers von Lohenstein als Fürstenspiegel, in: Leben in Leichenpredigten 09/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/georg-wilhelm-herzog-von-liegnitz-brieg-und-wohlau-1660-1675.html>

Aktuelles nach...

...Rubrik

...Monaten