Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Georg Riller (1577-1659)

01.10.2016

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Birthe zur Nieden

Ih. Kön. Maj. aus Schweden [...] mündlichen üm Hülffe dieser Stadt ersuchet – Ein weitgereister Schuster und Fechtmeister als Abgesandter einer Stadt

Salztorschule Naumburg [1/3]

Leichenpredigten auf Handwerker sind nicht allzu häufig gedruckt worden. Umso interessanter ist es, eine solche Predigt auf einen Schuster zu lesen, dessen Lebenslauf zudem eine große Bandbreite von Erlebnissen enthält und eine ebenso große persönliche Offenheit und sowohl geographische als auch soziale Mobilität deutlich macht.

Georg Riller wurde am 13. April 1577 als Sohn eines Schuhmachers und Gerichtsschöffen in Naumburg an der Saale auff der Freyheit,[1] also im Bereich des Dombezirks geboren. Sein Vater sparte nicht an Bildung und ließ seine Kinder durch einen Hauslehrer unterrichten. Nachdem Georg Riller aber keine akademische Begabung zeigte, wurde er von seinem Vater zu dessen Bruder Barthol in die Lehre gegeben, um selbst Schuster zu werden. Nach Beendigung der Lehrjahre ging der junge Geselle auf Wanderschaft, die nach zwei Jahren aber unterbrochen wurde, als sein Schwager starb. Georg Riller wurde nach Hause gerufen, um bei seiner Schwester als Bretmeister zu arbeiten, d.h. die Zuschneidearbeiten am Tisch (Brett) zu übernehmen, die normalerweise der Meister leistete, und so die Werkstatt für die Witwe zu führen.[2] Nachdem seine Schwester wiederum geheiratet hatte und seine Dienste nicht mehr vonnöten waren, führte Riller seine Wanderschaft fort.

Neben seinem Handwerk erlernte er dabei fünf Jahre lang auch die Fechterkunst. Er habe sich auf mancher vornehmen Fecht-Schule wol geübet und gehalten, daß er auch zu Augspurg vor einen Meister solcher Kunst ist erkennet und genennet worden. Von hier aus reiste er weiter nach Venedig, wo er sich an einen dort lebenden Teutschen Schumacher und Sprach-Meister namens Thomas Morch wandte, bei dem er etliche Sprachen begriffen. 1604, kurz vor seinem 27. Geburtstag, heiratete er die Tochter dieses Mannes, Annete. Getraut wurde er vom Pater der Kirche zu S. Maria della Gratie. Der Ehebrieff, der diese Eheschließung bewies, findet in der Leichenpredigt besondere Erwähnung, vielleicht, weil die Hochzeit eines Protestanten in einer katholischen Klosterkirche eine fragwürdige Konstellation darstellte - welcher Konfession seine Frau angehörte, wird, vielleicht wohlweislich, nicht erwähnt.

Riller lebte mit seiner Familie elf Jahre in Venedig, wo er sich um die Schuhmacherzunft verdient machte, weshalb sein Name mit göldenen Buchstaben in der Schusterschule, wie man es zuvor genennet, zum Gedächtnüß eingeschrieben worden sei. Schließlich aber habe er der Religion halber allda nicht länger verbleiben können noch wollen, so dass er sich 1615 zunächst allein zurück nach Naumburg begab. Er bemühte sich, in die dortige Schusterinnung einzutreten, was auch durch einen Churfl. gn. Befehl gestattet wurde. Zudem erhielt er das Privileg, sechs Jahr Steuerfrey zu sitzen. Daraufhin reiste er zurück nach Venedig, um seine Familie nachzuholen - offenbar heimlich, denn im Lebenslauf heißt es: da es aber erfahren, hat man ihme in Eil nachgesetzet und einholen wollen, was aber nicht gelang. Riller kehrte mit seiner Frau und drei Töchtern nach Naumburg zurück, wo er noch drei Kinder mit ihr zeugte, bevor sie nach 19 Ehejahren verstarb.

Von den Kindern aus seiner zweiten, 1624 geschlossenen Ehe mit Catharina Voigt, der Tochter eines Bäckermeisters, kamen zwei sogar noch weiter herum als ihr Vater: Rillers Sohn Georg wanderte als Balbierer nach Ostindien aus, während Johannes, ein Schuhmacher wie sein Vater, in Schweden am königlichen Hof diente und später nach Moskau ging. Von beiden wusste zum Zeitpunkt des Todes ihres Vaters niemand, ob sie noch lebten. Im Jahr 1640 starb auch Rillers zweite Frau. Seine dritte Ehe schloss er 1641 mit der Tochter des Gastwirts zum Scheffel vorm Saltzthor (heute eine Grundschule), Beate Kraußhaar.[3] Riller wird auf dem Titelblatt selbst als Gastwirth auff der Freyheit zu Naumburg bezeichnet, aber nicht dezidiert als Wirt des bedeutenden "Scheffels", er hat also vermutlich den Gasthof seines Schwiegervaters nicht übernommen. Welchen Gasthof er tatsächlich führte, wird nicht erwähnt.

Möglicherweise war der Gasthof "Zum Scheffel" bereits im Besitz von Rillers späterem Schwiegervater, als neun Jahre zuvor, Anfang November 1632, König Gustav II. Adolf von Schweden hier übernachtete. Kurz zuvor hatte sich die Stadt, um einer von diesem angedrohten Plünderung zu entgehen, unter Albrecht von Wallensteins Schutz begeben. Leichenpredigt und Personalia auf Georg Riller machen deutlich, dass, anders als in älteren stadtgeschichtlichen Werken vermerkt,[4] Naumburg sich selbst direkt an den Schwedenkönig gewandt hatte - und zwar durch Georg Riller und seinen Schwiegersohn Wolffgang Eckhardt, Oberförster in Schulpforte. Gustav II. Adolf habe damals in Arnstadt gelagert und nach dem Hilfsgesuch einen Obristen[5] mit etlichen Völckern, in höchster Eyl, anhero commandiret, daß er den Ort besetzen, und dem Feinde solch böses Vornehmen biß zu seiner und der bey sich habenden Königl. Armada Ankunft abwehren solte. Im Oktober traf sodann der König mit der Hauptarmee selbst in Naumburg ein. Nach wenigen Tagen in der Stadt zog er zur Schlacht aus und fiel kurz darauf bei Lützen. Noch heute findet sich an der Salztorschule, dem ehemaligen Gasthof, eine Tafel, die an die Übernachtung Gustav II. Adolfs erinnert. Der Einsatz Rillers und seines Schwiegersohnes wird nicht nur in den Personalia erwähnt, sondern auch in der Predigt selbst gerühmt: Es kam bey solcher Beängstigung kein Schlaf in seine Augen, er wagte zu Rettung dieser Stadt Leib und Leben.

Über die bereits drei Jahre später sich ereignende Plünderung der Stadt durch den schwedischen Heerführer Banér[6] wird in der Leichenpredigt keine Silbe verloren - auch Jahre nach dem Ende des Krieges war offenbar trotz allem in dieser Stadt die Überzeugung, dass die Schweden als die Retter des Protestantismus das Gute, deren Gegner dagegen das Böse verkörpert hatten, ungebrochen.[7]

Georg Riller starb 1659 im Alter von 81 Jahren, nachdem er mit 75 Jahren noch einmal ein Kind gezeugt hatte. In der Leichenpredigt wird er nicht nur aus diesem Grund mit Abraham verglichen. Eine weitere Gelegenheit für einen Vergleich mit dem Erzvater bot sein Leben auch, weil er ähnlich wie Abraham aus dem heidnischen Ur seinerseits aus dem Päpstischen Ur, darinnen er sich eine zeit lang auffgehalten und geheurathet, wieder gewendet, und mit Weib und Kindern nach seinem vaterlande, da das Wort GOttes rein und lauter geprediget wird, gezogen und gereiset war. Zudem wird seine Reise zu König Gustav II. Adolf mit Abrahams Rettung des Lot vor der Zerstörung Sodoms in Beziehung gesetzt.

Die Leichenpredigt auf Georg Riller lässt uns Einblicke in das bewegte Leben, die Mobilität und das Ansehen eines Schuhmachers und Gastwirtes vor und während des Dreißigjährigen Krieges nehmen und bietet zudem neue Erkenntnisse über die Stadtgeschichte Naumburgs im 17. Jahrhundert.

 

BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Schlossmuseum Sondershausen
Signatur: AL 855
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften im Schlossmuseum Sondershausen (Marburger Personalschriften-Forschungen 53), Stuttgart 2012

 

Anmerkungen:

[1] Petrus Lossius, Abrahams geruhiges Alter und selige Heimfahrt [...], Zeitz 1659 (VD17 1:031513C), Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle (Saale), PURL (Werk):http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd17/content/titleinfo/857105 http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-95166 (Zugriff: 21.09.2016). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[2] Siehe den entsprechenden Artikel in Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart [...], Theil 1: A-E, 2. vermehrte und verbesserte Ausgabe, Leipzig 1793 (ND Hildesheim/New York 1970), Sp. 1190f., Online-Ausgabe, URL: http://www.woerterbuchnetz.de/Adelung?lemma=bretmeister (Zugriff: 21.09.2016).

[3] Über die Folge der Wirte in besagtem Gasthaus blieben bei meinen Recherchen einige Ungereimtheiten. Sicher ist, dass der v.d. Freiheit stammende Veit Röller 1611 eingebürgert wurde; siehe die online verfügbare Datenbank des Naumburger Bürgerbuches im Bestand des Stadtarchivs Naumburg, URL: http://mv-naumburg.de/index.php/das-naumburger-buergerbuch (Zugriff: 21.09.2016). In der Leichenpredigt auf seinen Sohn Jeremias wird er als Gast-Wirth zum Schöffel und Schuster bezeichnet; siehe Conrad Bertram, Jesus! Vierfacher sehnlicher Wunsch. Derer/ So da seelig von hinnen scheiden wollen [...], Jena 1661, Digitalisat der Thüringischen Universitäts- und Landesbibliothek Jena, PURL (Personalia): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:urmel-30065e4a-9b42-44f1-80f9-f41d77e302393-00012767-015 (Zugriff: 21.09.2016).
Dieser Jeremias verbrachte etliche Jahre fern seiner Heimatstadt, kehrte aber schließlich zurück, heiratete 1639 und starb 1661 als Gastwirt des Gasthauses "Zum Scheffel". Sein gleichnamiger Sohn Jeremias d.J. erwarb das Bürgerrecht im Jahr 1683 und ist im Bürgerbuch mit dem Herkunftsvermerk ausm Scheffel alhier verzeichnet. Der Schwiegervater Georg Rillers, Johann Kraußhaar, 1623 eingebürgert, muss also dementsprechend zwischen Veit Röller und dessen Sohn Jeremias die Schankkonzession für den "Scheffel" besessen haben. Das mag vielleicht mit Jeremias Röllers längerer Abwesenheit zu tun haben - mit den Informationen aus den mir vorliegenden Quellen lässt sich die Sachlage nicht eindeutig klären.

[4] Zu den Ereignissen vgl. Ernst Borkowsky, Die Schweden. Erlebnisse einer kursächsischen Stadt im Dreißigjährigen Kriege, Querfurt 1932; sowie Karl Schöppe, Naumburger Chronik, Teile 2/3, ergänzt, berichtigt und hg. von Friedrich Hoppe, Naumburg 1932.
In beiden Werken wird nur berichtet, dass Gustav II. Adolf von der Bedrohung Naumburgs gehört und daraufhin Maßnahmen ergriffen habe, und dass die Stadt sich danach durch die gleichen vier Ratsherren, die vorher von Wallenstein die "Salva Guardia" erhalten hatten, nun den Schweden unterstellten. Erwähnt wird allerdings (siehe Borkowsky, Die Schweden, S. 37) ein Brief der Stadt an Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar im schwedischen Lager in Erfurt, der quasi zur Sicherheit gleichzeitig mit dem Akkord unter Wallenstein abgeschickt wurde und um Rat in der gefährlichen Situation bat. Als die Antwort eintraf, man solle sich verschanzen und auf die Ankunft der königlichen Armee warten, hatte man sich natürlich längst Wallenstein ergeben. Durch die Leichenpredigt auf Georg Riller wird nun deutlich, dass die Stadt zwar um der persönlichen Unversehrtheit willen mit Wallenstein paktierte, aber gleichzeitig aktiv versuchte, die Ankunft der Schweden zu beschleunigen - ihre Parteilichkeit wird damit sehr viel klarer sichtbar.

[5] Dessen Name wird im Druck mit Goldstein angegeben, am Rand befindet sich im Exemplar aus Halle aber eine handschriftliche Korrektur, die daraus einen Obristen Brandtstein macht - der vorliegenden Literatur nach handelte es sich tatsächlich um den Obristen Georg Friedrich von Brandenstein (1596-1635).

[6] Siehe Borkowsky, Die Schweden (wie Anm. 4), S. 68ff.

[7] In der Predigt und den Personalia wird das an den Formulierungen deutlich: Die Stadt solte überfallen und, ihrem bösen Anschlag nach, ausgeplündert werden. Brandenstein wurde nach Naumburg beordert, damit er den Ort besetzen, und dem Feinde solch böses Vornehmen biß zu seiner [König Gustav II. Adolfs; d.V.] und der bey sich habenden Königl. Armada Ankunft abwehren solte, welches auch durch Göttliche Hülffe also gelungen, daß alle feindselige Anschläge zu nichte worden, und endlichen über ihren Kopf kommen, wie solches zum theil uns bester massen bewust ist. Darauf folgt übergangslos der Bericht über Alter und Sterben Rillers.

 

Zitierweise: Birthe zur Nieden, Georg Riller (1577-1659). Ih. Kön. Maj. aus Schweden [...] mündlichen üm Hülffe dieser Stadt ersuchet – Ein weitgereister Schuster und Fechtmeister als Abgesandter einer Stadt, in: Leben in Leichenpredigten 10/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/georg-riller-1577-1659.html>

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