Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Dorothea May, geb. Gleim (1630-1670)

01.01.2018

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Christina Stehling

Eine rechte Creutzträgerinn – Bildungs- und Lebensweg einer hessischen Offizierstochter

Familienporträt aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts [1/4]

Dorothea wurde am 30. November 1630 als eheliche Tochter des fürstlich hessischen Oberstleutnants Henrich Gleim und seiner Frau Anna Elisabeth, geb. Kraußhar, in Felsberg bei Kassel geboren. Die in der Leichenpredigt[1] aufgeführten Tätigkeiten ihrer Vorfahren weisen auf die soziale Stellung ihrer Eltern hin; genannt werden hier u.a. Fürstlicher Hessischer Vogt zu Germeroda, Fürstliche[r] Hessische[r] Cammerrath oder auch Fürstlicher Hessischer Capitain und Schultheiß zu Homberg

Üblich war in der Frühen Neuzeit zunächst eine gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen in den ersten Lebensjahren. Während des ersten Lebensjahrzehnts wuchsen die Kinder in der Betreuung durch die Mutter auf, die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen war selbstverständlich. Mit dem 8. Lebensjahr trennten sich die Wege der Geschlechter. Die Jungen wurden in männliche Obhut gegeben;[2] die Ausbildung der Mädchen fand üblicherweise im Elternhaus statt.[3] Auch Dorothea wurde zu allen Christlichen und dem weiblichen Geschlecht wolanstehenden Tugenden, sonderlich aber zur wahren Gottesfurcht treulich und fleissig auferzogen. Ihr Vater, der am langwirigen Hessischen Krieg teilnahm, hat sie zwar mit in den Krieg genommen, legte aber offensichtlich Wert auf eine umfassendere Bildung seiner Tochter. So wurde sie durch Hauslehrer im Gebet und Catechismo sowie in Latein und Französisch unterrichtet. Ebenso ließ der Vater sie, darzu sie sonderlich lust gehabt, sodann in Musica vocali als instrumentali unterweisen, worin sie eine besondere Begabung zeigte. Hier lassen sich Parallelen zur Bildung von Professorentöchtern der Frühen Neuzeit erkennen: Während das Erlernen von Latein eher ungewöhnlich war, zählten sowohl Französisch als auch musikalischer Unterricht zu den üblichen Disziplinen ebenso wie die Malerei.[4]

Nachdem sie aber mehr erwachsen, hat sie ihre Mutter zu aller weiblichen Geschicklichkeit, sonderlich zur Haushalten selbsten fleißig angehalten. Die Mutter, die ihr die Aufgaben der Hausmutter vermittelte und sie darauf vorbereitete, einem Haushalt vorzustehen,[5] sorgte auch dafür, Dorothea durch allerhand Schulmeisterinne[n] im Sticken, Tapezieren und anderen künstlerischen Arbeiten unterrichten zu lassen. Hier wird deutlich, dass beiden Eltern eine gute Bildung ihrer Tochter wichtig war. Während der Vater die christliche Erziehung und Bildung, den Spracherwerb und die musikalischen Fertigkeiten förderte, war die Mutter für das Erlernen hauswirtschaftlicher und kunsthandwerklicher Fähigkeiten verantwortlich. Neben ihrem eigenen Engagement stellten die Eltern hierfür zusätzlich Hauslehrer und -lehrerinnen ein.

Nach einer Verletzung des Vaters, der für hisigem Schloss Marburg gefährlich geschossen und darüber gantzer vier Jahr elendiglich zu Bette liegen musste, kümmerte sich Dorothea Tag und Nacht um ihn. Ebenso pflegte sie später ihre Schwester, die ein langwühriges Lager erdulden musste. Schließlich verstarben kurz nacheinander ihr Bruder und ihre Mutter; wegen dieser Schicksalsschläge bezeichnet der Verfasser der Leichenpredigt, Garnisonsprediger Andreas Schultz, sie als rechte Creutzträgerinn. Nach dem Tod der Mutter übernahm sie die Rolle der Hausmutter und versorgte ihren alten Vatter in seinem sechsjährigen Wittibenstand mit Führung der Haushaltung [...] treulich und kindlich. Bis zum Tod des Vaters 1662 blieb Dorothea ledig, obwohl ihr viel stattliche Heyrathen vorgestossen wurden, die sie aber lieber ausschlug, als das sie ihren alten Vatter in seinem traurigen Stande hätte verlassen wollen. Im August 1662 schließlich heiratete Dorothea den Kasseler Arzt Heinrich May. Mit einem Alter von 32 Jahren lag sie deutlich über dem in der Frühen Neuzeit in Mitteleuropa durchschnittlichen Heiratsalter von 25 Jahren.[6] Ihr Ehemann, der nach seinem Studium in Kassel, Berlin und Frankfurt (Oder) sowie einer in dieser Zeit üblichen Bildungsreise über Hamburg und Leiden nach Groningen an der dortigen Universität promoviert hatte, war seit 1658 Stadtphysicus in Kassel.[7]

1665 erhielt Heinrich May einen Ruf als Professor nach Rinteln. Für Dorothea bedeutete dies, dass sie abermahl ihren Haushalt verändern und in die Frembde ziehen musste, wo sie offenbar nicht glücklich war: Und nachdem sie die Luft und Lebensart daselbst ihrer Natur gantz und zumal entgegen und zuwider zudenn befunde, hat sie sehnlich wieder in ihr Vatterland zukomen gewünschet. In Rinteln hatte Dorothea eine neue Rolle zu übernehmen: die der Professorengattin. Mit dieser Funktion verbunden war die Erfüllung bestimmter gesellschaftlicher Konventionen, denn neben der fachlichen Qualifikation beeinflussten auch soziale Kompetenzen Rang und Ansehen von Mitgliedern der Hochschullehrkörper in der Frühen Neuzeit. Letztere spielten für die gesellschaftliche Anerkennung des Professors eine wesentliche Rolle und wurden u.a. durch eine christliche Ordnung des Haushalts repräsentiert, für die zentral die Ehefrau mit der Haushaltsführung, der christlichen Erziehung der Kinder und standesgemäßen Repräsentation Verantwortung trug.[8] Leider lassen sich aus der Leichenpredigt keine Erkenntnisse ziehen, inwieweit Dorothea ihre herausragende Bildung auch im Kontext der Professorentätigkeit ihres Ehemanns und den sich daraus ergebenden sozialen Kontakten nutzen konnte. Für die Universität Helmstedt ist beispielsweise beschrieben, dass dort eine Professorengattin vergeblich nach anderen Frauen suchte, mit denen sie sich französisch unterhalten konnte. Lateinkenntnisse bei weiblichen Angehörigen der Professorenfamilien werden in dieser Quelle verneint.[9]

Ihr Wunsch nach einem Ortswechsel erfüllte sich 1669, als Heinrich May an die Universität Marburg berufen wurde, wobey sie dann abermal mit grosser Beschwerung ihren Haushalt verändern müssen; dargegen aber hat ihr dieser Ort dermassen so wol angestanden, daß sie alle Verdrießlichkeit gerne überwunden und nunmehr erst recht mit ihrem Eheherrn und lieben Kindern in Freuden zu leben verhoffet. Der gewünschte Umzug nach Marburg erfolgte, aber die Hoffnung auf ein glückliches Leben dort erfüllte sich nicht. Erneut schwanger, verschlechterte sich der Gesundheitszustand des schweren Hustens und Engbrüstigkeit, damit sie sich ins vierte Jahr geschleppet so sehr, dass sie kurz nach der Geburt ihres dritten Kindes am 12. Februar 1670 im Alter von 39 Jahren verstarb.

 

CHRISTINA STEHLING studiert im Bachelorstudiengang Geschichte an der Philipps-Universität Marburg.

 

Bestand: Schlossmuseum Sondershausen
Signatur: BL 160
Enthalten in: Katalog der Sammlung Leichenpredigten im Schlossmuseum Sondershausen (Marburger Personalschriften-Forschungen 53), Stuttgart 2012

 

Anmerkungen:

[1] Andreas Schultz, Christliche Bet-Kunst Von Christo selbst geübet bey dem Evangelisten Matthaeo XXVI. Cap. v. 39. Und zu den letzten Ehren der [...] Frauen Dorothea gebohrner Gleiminn/ Des [...] Herrn Heinrich Majen/ [...] Ehegemalinn [...] zur Lehre vorgestellet [...], Marburg 1670 (VD17 23:655867U), Digitalisat der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Permalink (Werk): http://diglib.hab.de/drucke/qun-239-11s/start.htm (Zugriff: 23.08.2017).

[2] Luise Schorn-Schütte, Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit. Studienhandbuch 1500-1789, 2. Aufl., Paderborn u.a. 2013, S. 258.

[3] Elizabeth Harding, Der Gelehrte im Haus. Ehe, Familie und Haushalt in der Standeskultur der frühneuzeitlichen Universität Helmstedt (Wolfenbütteler Forschungen 139), Wiesbaden 2014, S. 142.

[4] Heide Wunder, "Die Professorin" und die Professorentöchter - Ein Beitrag zur Sozialgeschichte des Professorenstandes in der Frühen Neuzeit, in: Horst Carl (Hg.), Universalität in der Provinz. Die vormoderne Landesuniversität Gießen zwischen korporativer Autonomie, staatlicher Abhängigkeit und gelehrten Lebenswelten (Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission, N.F. 30), Darmstadt 2009, S. 233-269.

[5] Schorn-Schütte, Geschichte Europas (wie Anm. 2), S. 37.

[6] Wilko Schröter/Josef Ehmer, Artikel "Heiratsalter", in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 5, hg. von Friedrich Jaeger, Stuttgart/Weimar 2007, Sp. 350-354; ebenso in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, URL: http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_a1650000 (Zugriff: 23.08.2017).

[7] Friedrich Wilhelm Strieder, Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte, Bd. 8, Kassel 1788 (ND Göttingen 1986), S. 316.

[8] Wunder, Sozialgeschichte des Professorenstandes (wie Anm. 4), S. 235.

[9] Harding, Der Gelehrte im Haus (wie Anm. 3), S. 145.

 

Zitierweise: Christina Stehling, Dorothea May, geb. Gleim (1630-1670). Eine rechte Creutzträgerinn – Bildungs- und Lebensweg einer hessischen Offizierstochter, in: Leben in Leichenpredigten 01/2018, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/dorothea-may-geb-gleim-1630-1670.html>

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