Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Balthasar Schnabel (1588-1655)

01.01.2017

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Kalina Mróz-Jabłecka

Polnische Sprachkenntnisse als ein Schlüssel zur Karriere des schlesischen Kaufmanns in der Frühen Neuzeit

Eine der elitären Gruppen der Hansestadt Breslau hinsichtlich ihrer Standeszugehörigkeit, Geburt, des Vermögens und nicht zuletzt ihrer Bildung waren die Kaufleute, die in den Leichenpredigten aus den Beständen der Universitätsbibliothek Wrocław besonders zahlreich vertreten sind. Die Personalien der kaufmännischen Familien aus Schlesien geben Auskunft über die im Handelsberuf relevanten Eigenschaften und Fertigkeiten, zu denen u.a. sowohl Kenntnisse der polnischen Sprache und der dortigen Handelsusancen als auch der Sitten gehörten.[1] Es war üblich, dass die Schlesier ihre Kinder zum polnischen Landadel schickten. Im "Schlüssel zur Polnischen und Teutschen Sprach" (Breslau 1616), einem der Lehrbücher, die den Spracherwerb in Polen fördern sollte, überzeugt der Autor Jeremias Roter davon, dass man die Landessprache am besten in Polen erlernen könne.[2] Als die Städte, die eine besondere Bedeutung im Hinblick auf die deutsch-polnischen Handelskontakte hätten, zählt das Lexikon "Eröffnete Akademie der Kaufleute" (Leipzig 1768) von Carl Günther Ludovici Warschau, Posen, Polnisch Lissa, Fraustadt, Danzig, Thorn, Elbing, Krakau, Lemberg, Jarosław, Wilna und Grodno auf.[3] Von der Bedeutung der polnischen Sprache zeugt zudem eine polnische Schule, die 1666 aufgrund der Initiative Breslauer Kaufleute gegründet wurde.[4]

Die Suche im Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA) ergibt, dass neben einem Druck mit Epicedien[5] auch zwei Ehrengedächtnisse zum Tod von Balthasar Schnabel in Breslau verfasst wurden. Das eine - "Berühmbter Schnabelischer Cederbaum [...]"[6] - stammt vom Autor vieler Leichenpredigten auf die Vertreter der Breslauer Stadtelite, dem Pastor an der Elisabethkirche, Ananias Weber (1596-1665), das andere - "Lob-Schrifft/ Deß Weyland Edlen/ Ehrenvesten und Wolbenambten Herrn Balthasar Schnabels/ Fürnehmen Bürgers und Handelsmannes in Breßlaw [...]"[7] - vom Gelehrten, Dichter, Pädagogen sowie Bibliothekar, dem Professor am Elisabethgymnasium, Christoph Köler (1602-1658). Sowohl der Abdankungssermon von Weber, als auch die Gedenkschrift von Köler liefern wertvolle Informationen zur Vorbereitung der schlesischen Kaufmannssöhne für ihren Beruf. Einige dieser Regeln sind ebenfalls in verschiedenen zeitgenössischen Lesebüchern und Ratgebern für Kaufleute wiederzufinden. Beide Funeraldrucke schildern Schnabels Berufskarriere, in der Kenntnisse des Polnischen als Handelssprache einen zentralen Platz einnehmen. Den in der Leichenpredigt von Weber angehängten Personalien ist zu entnehmen, dass der kaufmännische Beruf ein kontinuierlicher Karriereweg war, den die zwei Söhne Schnabels, Georg Friedrich und Ernst Balthasar, ebenfalls einschlugen.[8] Weber konzentriert sich in seiner Leichenpredigt auf die Darstellung der Verdienste des vornehmen kaufmännischen Stammbaumes ("Schnabelischer Cederbaum"), und so wird der Kaufmann Schnabel auch in seiner Funktion des fürsorglichen Vaters, dem die Fortsetzung des Handelsberufs und somit die Aufrechterhaltung des Familienkapitals besonders wichtig waren, dargestellt.

Ferner wird die Motivation Polnisch zu lernen mit geographisch-politischen und wirtschaftlichen Gründen erklärt. Polen war als Nachbarland ein bedeutender Handelspartner, die Kooperation beider Länder resultierte u.a. aus ihrer Mitgliedschaft in der Hanse:[9] Dieweil aber Polen und Schlesien aneinander grentzen/ und in Handlung große Gemeinschafft haben/ und dannenhero die Polnische Sprach denen Handelsleuten kundig seyn muß/ als hat sein Herr Vater diß beobachtet/ und diesen seinen Sohn nach Krackau/ obgedachte Sprache/ so daselbst gar zierlich geredet wird/ zu lernen/ geschicket/ an welchem Orte er sich auch fast drey Jahr befunden/ und der Sprachen wol kundig worden.[10]

Bereits in seinem vierzehnten Lebensjahr wurde Balthasar Schnabel nach Krakau geschickt, was Köler mit folgenden Worten begründet: Weil aber auch in diesen Landen wegen der Gewerbe/ die wir mit der Kron Polen/ vermöge der compactaten, treiben/ ein sehr nöthiges Werck ist/ die Polnische Sprache zu erlernen; und darneben der Polen Art und Weise/ Sitten/ Leben/ und Wandel/ wie auch die Reichs-Verfassungen/ Gesetze/ und Statuten zu erkennen/ nicht unnöthig ist [...].[11]

Die Entwicklung Schnabels muss offenbar erfolgversprechend gewesen sein, da er außer in Deutschland und Polen auch in den Niederlanden auf Bildungsreisen war. In einem Lesebuch für Kaufleute von Johann Christian Sinapius ist die Rede von der richtigen Einschätzung der Fähigkeiten eines Kandidaten für den kaufmännischen Beruf, darunter auch den Voraussetzungen, eine Reise zu unternehmen. Laut Sinapius sollte nur derjenige Lehrling eine Bildungsreise antreten, der dazu "reif genug" war.[12] Balthasar Schnabel ist ein Beispiel eines vorbildhaften und zielbewussten Schülers sowie eines erfolgreichen Aufsteigers in der gesellschaftlichen Hierarchie. Christoph Köler stellt ein vollkommenes Bild des Kaufmanns vor, indem er nicht nur auf dessen geistige, sondern auch auf seine leiblichen Eigenschaften hinweist. So beschreibt er ihn als einen gesunden, starcken, rüstigen, fertigen Mann ziemlicher Länge und Statur und konzentriert sich des Weiteren auf die Hervorhebung seiner intellektuellen Fähigkeiten. So nennt er seine gütige Natur, ein gutes, fähiges und gelehriges ingenium und eine grosse Lust und Liebe etwas reifflich zu bedencken und hernach hurtig in der That zu beschleunigen.[13] Köler stützt sich bei der Beschreibung der für die Entwicklung des Menschen relevanten Tugenden auf Aristoteles: Zur Vollbringung der Tugend müssten drei Bedingungen erfüllt werden. Der Mensch sollte eine gute fähige und gelehrige Natur haben, zur sogenannten Angewöhnung fähig sein und schließlich gut gelehrt und unterrichtet werden.[14] Schnabel konnte von den seit den Jugendjahren entwickelten Eigenschaften in seinem erwachsenen Leben nur profitieren. Dies bestätigen die von ihm erreichten Karrierestufen und Ehrenämter. Nachdem er 1616 das Bürgerrecht bekommen hatte, wurde er Viertelmeister, 1624 ernannte man ihn zum ersten Kapitän und Hauptmann, und 1644 übernahm er das Vorsteheramt bei der Hauptkirche zu St. Elisabeth, wo er bis zu seinem Tod an Schlagfluss tätig war. Köler erinnert in diesem Zusammenhang an das spektakuläre Ereignis aus dem Jahre 1649, als es zu einem Pfeilersturz wegen der allzu großen Last der Orgeln in der Elisabethkirche kam. Die Spenden von Balthasar Schnabel und seinem Amtskollegen Samuel von Säbisch (1597-1671) ermöglichten die Renovierung des Predigtstuhls, des Altars, der Orgel, des Taufsteines sowie des Daches.

Die Darstellung des Verstorbenen mit all seinen Verdiensten sowohl in der öffentlichen als auch in der privaten Lebenssphäre wird von den beiden Autoren geschickt vollzogen. Das Ehrengedächtnis von Christoph Köler beispielsweise, einem weltlichen Autor und herausragenden Vertreter der schlesischen res publica litteraria, zeigt den verstorbenen Kaufmann besonders unter dem Blickwinkel seiner hohen Stellung in der Gesellschaft, namentlich in der gelobten Metropole Breslau.[15] Die in der Frühen Neuzeit übliche Differenzierung der Gesellschaftsmitglieder in die Privat-Personen und Erlauchte Personen und die damit verbundenen Verhaltensnormen werden in Kölers "Lob-Schrifft" ambivalent betrachtet: Denn in Verfassung des Lebens Erlauchter Personen haben wir unser Absehen zu richten/ wie er sich auch zu Hause und Hofe/ und bey den lieben Seinigen verhalten habe [...]. In Beschreibung aber einer Privat-Person/ sehen wir/ wie sie moralisch- und politischer Weise sich verhalten habe.[16] Angesichts des Todes sind der christliche Wandel und die tugendsame Verhaltensweise sowohl in der öffentlichen als auch der privaten Sphäre jedes Menschen entscheidend.

 

Dr. KALINA MRÓZ-JABŁECKA ist Oberassistentin und Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Literatur und Kultur des Barock am Institut für Germanische Philologie der Universität Wrocław.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Wrocław
Signaturen: 508623 / 508625
Enthalten in: Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Wrocław/Breslau (TBK)

 

Anmerkungen:

[1] Über die Bildung und Polnischkenntnisse der schlesischen Kaufmannschaft siehe ausführlicher meinen Artikel "(...) Ein sehr nöthiges Werck ist/ die Polnische Sprache zu erlernen (...)". Die existentielle Notwendigkeit des Erwerbs der Polnischkenntnisse an Fallbeispielen der Breslauer Kaufmänner und ihrer Söhne, in: Bernd Balzer/Marek Hałub (Hg.), Wrocław - Berlin. Germanistischer Brückenschlag im deutsch-polnischen Dialog. II. Kongress der Breslauer Germanistik, Bd. 2: Literaturgeschichte 17. Jahrhundert, hg. von Mirosława Czarnecka und Wolfgang Neuber, Wrocław/Dresden 2006, S. 117-126.

[2] Jeremias Roter, Schlüssel zur Polnischen und Teutschen Sprach. [...] Klucz do Polskiego y Niemieckiego Języká [...], Breslau 1616 (VD17 3:314786V), weitere Auflagen: Breslau 1638, Danzig 1646, Breslau 1651, Breslau 1680, Digitalisat der Erstauflage des Exemplars in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (Sign.: Ling.Slav.161), PURL (Werk): http://digital.slub-dresden.de/id375364706 (Zugriff: 12.12.2016).

[3] Art. "Polen", in: Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon [...], Vierter Theil: N bis S, Zweyte vermehrte und verbesserte Auflage, Leipzig 1768, Sp. 812-834, Digitalisat der Bayerischen Landesbibliothek, München [im Folgenden BSB München] (Sign.: Merc. 131-4), URN (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10291318-0 (Zugriff: 12.12.2016).

[4] Wacław Długoborski/Józef Gierowski/Karol Maleczyński (Hg.), Dzieje Wrocławia do roku 1807, Warszawa 1958, S. 522.

[5] Memoriae Perenniq; Recordationi Nobilis, Spectatissimi, Honoratissimiq Viri, Dn. Balthasaris Schnabelii, Civis & Mercatoris Vratislaviae Optimi Epicedia [...], [Breslau] o.J. (Universitätsbibliothek Wrocław [im Folgenden UB Wrocław], Sign.: 508624), Verzeichnis im Titelblattkatalog der Universitätsbibliothek Wrocław/Breslau (im Folgenden TBK), URL: http://cgi-host.uni-marburg.de/~omgesa/tbk/id2.php?lang=de&p=0&ex=website&l=10&id%5B%5D=23896&id%5B%5D=14286&id%5B%5D=23898&id%5B%5D=23897&id%5B%5D=23899&id%5B%5D=23895&id%5B%5D=23900 (Zugriff: 12.12.2016).

[6] Berühmbter Schnabelischer Cederbaum/ Das ist/ Kurtzer Sermon und Leichrede/ Von dem sonderbaren Ehren-Ruhm/ Weyland Edlen/ Ehrenvesten/ und Wohlbenambten Herrn Balthasar Schnabels/ [...] Welcher als eine schöne Ceder gantzer LXVI. Jahr/ IX. Monat/ und XXII. Tage auff dem Breßlischen Libano gegrünet/ [...] Auff begehren gehalten Von Anania Webern/ der H. Schrifft Doctor, und Professorn, in der Kirchen zu St. Elisabeth daselbst Pfarrern/ [...], Breslau [1655] (UB Wrocław, Sign.: 508623), Verzeichnis im TBK, URL: http://cgi-host.uni-marburg.de/~omgesa/tbk/id2.php?lang=de&p=0&ex=website&l=10&id%5B%5D=23896&id%5B%5D=14286&id%5B%5D=23898&id%5B%5D=23897&id%5B%5D=23899&id%5B%5D=23895&id%5B%5D=23900 (Zugriff: 12.12.2016).
Hier wurde der Abdruck in einer Leichenpredigtsammlung von Esaias Fellgiebel verwendet (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel [im Folgenden HAB Wolfenbüttel], Sign.: Stolberg 2223); der Titel ist in diesem Druck geändert worden: XCIII. Uhralter Schnabelischer Cederbaum Herrn Balthasar Schnabeln etc. den 31. Octob. A. 1655. in einer Abdankungs-Sermon vorgewiesen, von Ananias Weber, Esaias Fellgiebel (Hg.), Schatz-Kammer Unterschiedener Glückseelig-erfundener/ hertzdringender Trauer-Reden und Abdanckungen/ [...], Breslau 1665 (VD17 23:268192V).

[7] Lob-Schrifft/ Deß Weyland Edlen/ Ehrenvesten und Wolbenambten Herrn Balthasar Schnabels/ Fürnehmen Bürgers und Handelsmannes in Breßlaw/ Welcher im Jahr Christi 1655. den 22. Weinmonat-Tag im Herren selig entschlafen/ Zu stets-wehrender Ehren-Gedächtnüß deß Seligen Herren/ Wie auch den Hoch-betrübten Herren Erben und Anverwandten zu sonderbarem Trost/ auß sonderbarer Lieb und Affection auffgesetzt und übergeben Von Christophoro Colero Im Gymnasio zu St. Elisabeth Profess. Publ., Breslau [1655] (UB Wrocław, Sign.: 508625), Verzeichnis im TBK, URL: http://cgi-host.uni-marburg.de/~omgesa/tbk/id2.php?lang=de&p=0&ex=website&l=10&id%5B%5D=23896&id%5B%5D=14286&id%5B%5D=23898&id%5B%5D=23897&id%5B%5D=23899&id%5B%5D=23895&id%5B%5D=23900 (Zugriff: 12.12.2016).

[8] Auch die "Lob-Schrifft" von Köler betont, dass Schnabel die gleichen Bildungsetappen seiner Söhne einleitete. Die Söhne wurden nach Krakau zwecks der Erlernung der polnischen Sprache und Sitten geschickt, dann übten sie sich in der Handelskunst bei Daniel Schnabel (1590-1658), dem Bruder des Vaters, in Nürnberg. Weitere Fremdsprachen und Sitten lernten sie auf Reisen nach Italien, Frankreich und in die Niederlande kennen.

[9] Polen lieferte Schlesien Vieh, Wachs, Honig, Häute, Leder, Rauchwerke und Salz, im Gegenzug wurden schlesische Tuchwaren, Wolle und Färberröte eingeführt]. Vgl.: Art. "Polen" (wie Anm. 3), Sp. 823 ff; Art. "Breßlau", in: Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon [...], Erster Theil, Zweyte vermehrte und verbesserte Auflage, Leipzig 1767, Sp. 2134-2150, hier Sp. 2136, Digitalisat der BSB München (Sign.: Merc. 131-1), URN (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10291315-4 (Zugriff: 12.12.2016).

[10] Weber, Uhralter Schnabelischer Cederbaum (wie Anm. 6), S. 1008.

[11] Köler, Lob-Schrifft (wie Anm. 7).

[12] Johann Christian Sinapius (Hg.), Über kaufmännische Erziehung. Ein Fragment, in: Lesebuch für Kaufleute, Hamburg 1783, S. 80-85, hier S. 85 (HAB Wolfenbüttel, Sign.: Ob 334).

[13] Köler, Lob-Schrifft (wie Anm. 7).

[14] Ebd.

[15] Ebd. Köler setzt sich u.a. mit der Verbindung der angesehenen Funktion als vornehmer Bürger und Ratsmann (Regiments-Person) mit dem Handelsberuf im gesellschaftlichen System auseinander. Angeführte Beispiele von Adelsgeschlechtern aus Venedig, Florenz, Genua und den Niederlanden, die Handel betrieben und sich eines großen Ansehens in der Gesellschaft erfreuten, sollen die harmonische Koexistenz beider Funktionen unter Beweis stellen.

[16] Ebd.

 

Zitierweise: Kalina Mróz-Jabłecka, Balthasar Schnabel (1588-1655). Polnische Sprachkenntnisse als ein Schlüssel zur Karriere des schlesischen Kaufmanns in der Frühen Neuzeit, in: Leben in Leichenpredigten 01/2017, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/balthasar-schnabel-1588-1655.html>

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