Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Andreas Köhler • Katharina Köhler, geb. Kuhn • Christoph Köhler • Rosina Köhler (alle gest. 1616)

01.12.2016

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Johanna Pöppelwiehe

[...] von einem Ertzbösewicht/ jämmerlich [...] ums Leben gebracht – Verbrechen und Bestrafung als Themen einer Leichenpredigt

Zeitgenössische Darstellung des Räderns [1/3]

Noch heute rufen insbesondere als sehr grausam, verwerflich oder mysteriös empfundene Straftaten großes öffentliches Interesse hervor. In der Frühen Neuzeit verhielt sich dies nicht anders. Zwar traten Verbrechen an Leib und Leben zu dieser Zeit wesentlich seltener auf als Diebstahl und Raub, dennoch kam es im Verhältnis zur Bevölkerungszahl insgesamt zu deutlich mehr Tötungsdelikten als heute.[1] Während die öffentliche Neugier heutzutage vorwiegend durch die Boulevardpresse und nicht selten in reißerischer Manier bedient wird, geschah dies in der Frühen Neuzeit oftmals durch illustrierte Flugblätter, dem zentralen Informationsmedium des 16. und 17. Jahrhunderts. Spektakuläre Kriminalfälle, Morde innerhalb der Familie und Serientäter schienen dabei besonders publikationswürdig.[2] Bei den Autoren dieser Schriften handelte es sich nicht selten um Geistliche, welche religiöse Interpretationen der Verbrechen anboten und auf diese Weise moralische Botschaften vermitteln wollten.[3]

Dass nicht nur Flugschriften, sondern auch Funeraldrucke zu diesem Zweck genutzt werden konnten, zeigt die Leichenpredigt des Freiberger Pastors Salomon Rothe auf die Mitglieder der Familie Köhler. Der Kramer Andreas Köhler, seine Frau Katharina und Köhlers Kinder aus erster Ehe, Christoph und Rosina, wurden am 15. Februar 1616 in ihrem Haus in Freiberg vom Tagelöhner Simon Kästner erschlagen, der die Familie anschließend ausraubte und zur Vertuschung des Verbrechens das Köhlersche Wohnhaus in Brand setzte. Rothe stellte die Tat und damit verknüpft die Themen Verbrechen und Bestrafung ins Zentrum seiner Leichenpredigt auf die Familienmitglieder, der er zwei Anhänge beigefügt hat. Während sich der erste ausführlich mit dem Tatgeschehen, der Ergreifung des Täters und seinen weiteren Verbrechen sowie seiner Hinrichtung beschäftigt, setzt sich der zweite Anhang mit der gerechten Bestrafung von Verbrechern durch Gott und die weltliche Obrigkeit auseinander.

Rothe nutzt die Leichenpredigt auf die Familie Köhler also dazu, um die Botschaft eines christlichen und damit friedlichen und bußfertigen Lebenswandels zu verbreiten. Zur effektiveren Verbreitung dieser Botschaft greift er zu sprachlichen Mitteln, welche die Aufmerksamkeit des Lesers erregen sollen. Bereits der Titel "Mord-LeichPredigt" und das Titelblatt der Predigt, das von der Familie Köhler als den Vier erschlagenen und halb verbrenneten Cörper[n] spricht, die von einem Ertzbösewicht/ jämmerlich nacheinander hingerichtet/ und umbs Leben gebracht wurden, bedient sich - wie auch andere zeitgenössische Verbrechensbeschreibungen - sensationalistischer Sprache. Der Fokus der Predigt liegt dabei klar auf dem Verbrechen selbst und weniger auf den Opfern, deren Leben und christlichem Lebenswandel nur ein vergleichsweise kurzer Abschnitt gewidmet wird.

Andreas Köhler stammte aus Nauen in Brandenburg und hatte sich zum Schulbesuch nach Freiberg begeben. Da er sich ein anschließendes Studium Armuts wegen[4] nicht leisten konnte, ehelichte er 1604 Rosina, die Tochter des örtlichen Münzprüfers Hans Bogner, und bestritt seinen Lebensunterhalt durch einen Kram und Würtzhandel. Aus Köhlers Ehe mit Rosina gingen die beiden Kinder Christoph und Rosina hervor, die im Februar 1616 elf bzw. neun Jahre alt waren. Nach dem Tod seiner Ehefrau 1613 und einem Jahr im Witwerstand heiratete Andreas Köhler am 18. Juli 1614 Katharina Kuhn, welche ihren Mann in seinem Geschäft in der Petersgasse unterstützte. Nicht weit entfernt, hinder den Fleischbäncken und gegenüber des Gegenschreibers Wohnung, befand sich das Wohnhaus der Familie Köhler.

In diesem Haus ereignete sich am 15. Februar 1616 das Verbrechen, das Rothe in der Predigt und in seiner beigefügten Gründliche[n] und ware[n] Erzehlung mehrfach und ausführlich schildert. So sei in den frühen Morgenstunden des 16. Februars Rauch unnd Dampff aus der Schlaffkammer auff dem Boden/ und fürder oben zum Tache herausset gegangen. Da die Familie Köhler auf Rufe nicht reagierte, entschieden sich Nachbarn und Passanten schließlich zum Aufbrechen der Haustür. Nachdem das Feuer gelöscht war, entdeckten die Helfer die leblosen Körper der Familienmitglieder auf dem Boden des Schlafzimmers. Die Leichen wurden in die nahegelegene Badestube verbracht und man machte sich an das Aufräumen des Köhlerschen Wohnhauses. Blutspuren im Haus zeigten dabei, dass die Toten nicht - wie erst angenommen - vom Dampffe erstecket, sondern mit einem Waffen gewaltsamer weise ermordet und umbbracht worden waren.

Im Zuge der sich anschließenden Ermittlungen wurde der Tagelöhner Simon Kästner aus Reichstädt bei Dippoldiswalde schnell als Verdächtiger ausgemacht. Kästner schien zum einen verdächtig, da er den Köhlerschen Kramladen fast täglich aufgesucht hatte und mit den Gewohnheiten Andreas Köhlers vertraut war. Außerdem war er von mehreren Zeugen am Morgen des Feuers mit einer Axt in der Nähe des Wohnhauses der Familie gesehen worden. Er wurde in gefengliche Hafft genommen und das von ihm bewohnte Mietshaus durchsucht. Durch die Hausdurchsuchung erhärtete sich der Verdacht gegen Kästner. Es konnten nicht nur Besitztümer der Köhlers - darunter ein TrageKorbe voller Kleider/ Tihnen Gefesse/ Confecte/ Würtze und andern Sachen sowie Bargeld und ein Hausschlüssel - sichergestellt werden, auch Simon Kästners Axt war mit Blut besudelt. Er selbst trug Kleidungstücke Andreas Köhlers am Leib. Da der Verdächtige die Tat trotz der Beweislast nicht zugeben wollte, erfolgte - wie in derartigen Fällen üblich[5] - am 18. März das Verhör in scharffer Frage, also unter Einsatz von Folter. Die Befragung brachte schließlich ein Geständnis hervor, in dessen Rahmen Simon Kästner zugab, die Mitglieder der Familie Köhler erschlagen, ihre Habseligkeiten geraubt und zur Vertuschung des Verbrechens den Brand gelegt zu haben.

Auffällig ist Salomon Rothes Wortwahl bei der Beschreibung des Täters Simon Kästner. In der gesamten Predigt wird dieser nur zweimal beim Namen genannt und sonst als Mörder, Ertzbösewicht oder mord-brennerische[r] Bube bezeichnet, welcher eine teufflische/ böse/ mörderische und diebische That begangen habe. Rothe nutzt diese bildliche Sprache, um die Aufmerksamkeit der Leser aufrecht zu erhalten und kommuniziert gleichzeitig die gesellschaftliche Ausgrenzung, die Verbrecher zu erwarten hatten. Bei Simon Kästner wog diese Ausgrenzung offenbar umso schwerer. Denn zum einen waren seine Taten von einer besonderen Grausamkeit gekennzeichnet. Zudem ist in der Predigt an keiner Stelle die Rede davon, dass Kästner angesichts des von ihm verursachten Leids Reue gezeigt oder Buße getan habe.

Die Vernehmung Simon Kästners führte jedoch nicht nur zu einem Geständnis des Mordes an der Familie Köhler und der damit zusammenhängenden Brandstiftung. Kästner bekannte sich noch zu weiteren Raubmorden und Brandstiftungen, die er in den vorhergegangenen Jahren an verschiedenen Orten verübt hatte. Da er vor Verhandlungsbeginn jedoch die Geständnisse in einigen Fällen zurücknahm und ihm die Taten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten, kamen schließlich nur sieben Raubmorde und zwei Brandstiftungen zur Anklage, für die Kästner zum Tod durch das Rad verurteilt wurde. Aufgrund der besonderen Schwere seiner Verbrechen wurde er - wie in der Gerichtsordnung Carolina vorgesehen[6] - am 15. Mai 1616 erst mit glüenden Zangen Sechsmal gerissen und anschließend mit dem Rade die Schenckel und Arme/ von unten auff [...] zerstossen. Da eine derart schwere Bestrafung auch zum Abschew und Exempel dienen sollte, wurde Kästners Körper anschließend auf ein Rad geflochten und mitsamt sieben Knüppeln - einem für jedes seiner Opfer - sowie der MordtAxt und einer Tafel mit der Beschreibung seiner Taten öffentlich ausgestellt.

An seine ausführliche Beschreibung von Simon Kästners Verbrechen und Hinrichtung schließt Salomon Rothe eine Abhandlung über gerechte Bestrafung durch die himmlische und weltliche Obrigkeit an, in der er die wichtigsten Punkte seines Predigtteils nochmals aufgreift. Rothe lehnt darin ausdrücklich das Verhalten derjenigen ab, die öffentliche Hinrichtungen für ein Kurtzweil halten/ so von Lust wegen verordnet worden. Für Rothe ist dies ähnlich verwerflich wie die antiken Gladiatorenkämpfe, welche bey den Heyden stattgefunden hätten. Stattdessen müsse die öffentliche Bestrafung von Verbrechern als Zeichen für Gottes Gerechtigkeit gesehen werden. Denn da Gott gerecht sei, mache er die Obrigkeit zum Richter und Recher mit dem Schwerd über Mörder und andere Verbrecher, daß jedermann gutes und böses [...] kennen und unterscheiden lerne. Durch die körperliche Züchtigung möge der wahrhaft bußfertige Sünder zur Erkendtnüß seiner Sünde komen und dann die Vergebung Gottes erfahren. Die Menschen hingegen sollen Mitleid mit den Sündern haben, für diese beten und dies zum Anlass nehmen, sich eines christlichen Lebenswandels zu besinnen. Auch solche, die bereits böse thaten begangen habe[n]/ welche noch heimlich und nicht offenbar sind, sollen am Exempel der peinlichen Leibstrafen lernen und für ihre Sünden Buße tun. Die Bestrafungen durch die Obrigkeit dienten so auch dazu, eine abschreckende Wirkung zu entfalten, sodass ein gemeiner Friede erhalten werde.

Salomon Rothe nutzt die Leichenpredigt auf die Familie Köhler also dazu, um die Bevölkerung zu einem christlichen Lebenswandel anzuhalten und damit zur Wahrung des gesellschaftlichen Friedens beizutragen. Dabei bedient er sich sensationalistischer Sprache, um die Aufmerksamkeit der Leser zu erwecken und aufrecht zu erhalten, und gebraucht die Bestrafung Simon Kästners als abschreckendes Beispiel. Die Predigt macht damit deutlich, dass auch Leichenpredigten in der Frühen Neuzeit Teil der gesellschaftlichen und theologischen Auseinandersetzung mit Verbrechen und Bestrafung waren und zeigt ihren Quellenwert für diese Gebiete der historischen Forschung.

 

JOHANNA PÖPPELWIEHE M.A. ist Wissenschaftliche Hilfskraft der Forschungsstelle für Personalschriften und hat an der Philipps-Universität Marburg ein Master-Studium im Fach Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit absolviert.

 

Bestand: Christian-Weise-Bibliothek Zittau
Signatur: Hist. Qu. 666, 1
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Christian-Weise-Bibliothek zu Zittau (Marburger Personalschriften-Forschungen 25), Bd. 1, Stuttgart 1999

 

Anmerkungen:

[1] In Frankfurt am Main kam es beispielsweise zwischen 1562 und 1696 zu etwa 140 angezeigten Morden und Totschlägen, das entspricht ungefähr einer Tötung pro Jahr bei einer Einwohnerzahl von 20.000-23.000 Menschen. Vgl. Richard van Dülmen, Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit, Bd. 2: Dorf und Stadt 16.-18. Jahrhundert, 3. Aufl., München 2005, hier insbesondere S. 254.

[2] Gerd Schwerhoff, Kriminalitätsgeschichte - Kriminalgeschichten: Verbrechen und Strafen im Medienverbund des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Rebekka Habermas/Gerd Schwerhoff (Hg.), Verbrechen im Blick. Perspektiven der neuzeitlichen Kriminalitätsgeschichte, Frankfurt (Main)/New York 2009, S. 295-322, hier S. 302.

[3] Joy Wiltenburg, Formen des Sensationalismus in frühneuzeitlichen Kriminalberichten, in: Habermas/Schwerhoff (Hg.), Verbrechen (wie Anm. 2), S. 323-338, hier S. 333.

[4] Salomon Rothe, Mord-LeichPredigt/ Bey Begräbnüs/ derer Vier erschlagenen und halb verbrenneten Cörper [...], Freiberg o.J. (VD17 39:102375T), Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, PURL (Werk): http://digital.slub-dresden.de/id308976428 (Zugriff: 28.10.2016). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[5] Vgl. Richard van Dülmen, Theater des Schreckens. Gerichtspraxis und Strafrituale in der frühen Neuzeit, München 1985, S. 29.

[6] Dort heißt es in Artikel 137: "Und also daß der gewonheyt nach/ eyn fürsetzlicher mutwilliger mörder mit dem rade/ [...] zum todt gestrafft werden sollen/ Und man mag inn fürgesetztem mordt/ so der an hohen trefflichen personen des thetters eygen herrn/ zwischen eheleuten oder nahend gesipten freunden geschicht/ durch etlich leibstraff als mit zangen reissenn oder außschleyffung vor der entlichen tödtung umb grösser forcht willen die straff meren." Vgl. Des allerdurchleuchtigsten großmechtigsten vnüberwindtlichsten Keyser Karls des fünfften: vnnd des heyligen Römischen Reichs peinlich gerichts ordnung/ auff den Reichsztägen zuo Augspurgk vnd Regenspurgk/ inn jaren dreissig, vnd zwey vnd dreisssig gehalten/ auffgericht vnd beschlossen, Mainz 1533, fol. 29v (VD16 D 1069), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München, PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00029222-8 (Zugriff: 28.10.2016).

 

Zitierweise: Johanna Pöppelwiehe, [...] von einem Ertzbösewicht/ jämmerlich [...] ums Leben gebracht – Verbrechen und Bestrafung als Themen einer Leichenpredigt, in: Leben in Leichenpredigten 12/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/andreas-koehler-katharina-koehler-geb-kuhn-christoph-koehler-rosina-koehler-alle-gest.html>

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